Dr. Hermann Stern (re.) begrüßt den österreichischen Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch am 14. Juni 1926
Dr. Hermann Stern war ein aufstrebender Advokat, Netzwerker und Visionär der Außerferner Zeitgeschichte. Geboren im Jahr 1878 in Bozen, kam der promovierte Jurist im Jahr 1910 nach Reutte, um dort eine Rechtsanwaltskanzlei zu eröffnen. Zu dieser Zeit war das Außerfern eine strukturschwache Region. Stern erkannte jedoch sofort das enorme Potenzial der Wasserkraft und der Landschaft. Er begnügte sich nicht mit seiner Arbeit als Advokat, sondern wurde zum umtriebigen Wirtschaftspionier. Sein Denken war modern und von einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben geprägt.

Metallwerk Plansee
Eines seiner bedeutendsten Vermächtnisse ist das Zustandebringen der Gründung des
Metallwerks Plansee. Er verstand, dass die Region industrielle Arbeitsplätze brauchte, um der Bevölkerung ein sicheres Einkommen zu ermöglichen. Stern war es, der den Industriellen Paul Schwarzkopf davon überzeugte, in Reutte zu investieren. Er fungierte jahrelang als Geschäftsführer des Werks und legte den Grundstein für einen Weltkonzern. Ohne Sterns diplomatisches Geschick und seine Hartnäckigkeit gäbe es diesen Industriestandort heute wohl nicht. Er war ein Mann, der Chancen sah, wo andere nur Probleme wahrnahmen.

die Zugspitzbahn
Doch sein rastloser Ehrgeiz beschränkte sich nicht nur auf die Industrie. Dr. Stern war der visionäre Vater der
Tiroler Zugspitzbahn. Er setzte sich zum Ziel, den Tourismus als zweites Standbein der regionalen Wirtschaft zu etablieren. Der Bau einer Seilbahn auf den höchsten Berg Deutschlands war zur damaligen Zeit ein herausforderndes technisches Wagnis. Er trieb also die Finanzierung voran und überwand so manche bürokratische Hürden. Im Jahr 1926 konnte die Bahn schließlich unter großer internationaler Beachtung eröffnet werden. Es war ein Triumph der Technik - aber auch des persönlichen Willens von Hermann Stern.

die Zentrale - Kraftwerk im Gsperr - EWR

die Heilanstalt Kreckelmoos
Auch die Energieversorgung der Region geht maßgeblich auf sein Engagement zurück. Er stand als eine treibende Kraft hinter den Elektrizitätswerken Reutte (EWR). Stern wusste, dass Elektrizität die Grundvoraussetzung für jede Form von Fortschritt und Wohlstand ist. Er förderte den Ausbau der Wasserkraftanlagen in der Umgebung nach Kräften. Damit sicherte er die Unabhängigkeit und Zukunftsfähigkeit des Bezirks. Der Einfluss Sterns auf die Infrastruktur des Außerferns kann kaum überschätzt werden, denn er spielte auch bei der Errichtung des
Krankenhauses der Barmherzigen Brüder im Kreckelmoos eine tragende Rolle.
Politisch engagierte sich Stern als Vizebürgermeister von Reutte. Dabei fungierte er als begnadeter Netzwerker, war Brückenbauer zwischen den politischen Lagern und den sozialen Schichten. Sein Ziel war eine demokratische und wirtschaftlich starke Gesellschaft. Er arbeitete eng mit allen Kräften zusammen, die den Willen hatten, den Fortschritt der Marktgemeinde voran zu treiben. Stets um Ausgleich bemüht und in der Vernunft verankert. Sein Wohnhaus, das „Grüne Haus“, dient heute als Heimstätte des Museumsvereins Reutte.
Der Wind drehte sich ab 1927 jedoch gegen Stern. Die Weltwirtschaftskrise traf seine Bemühungen und Projekte, insbesondere die Zugspitzbahn, mit voller Härte. Die von den Nationalsozialisten verhängte „Tausend-Mark-Sperre“ ruinierte den Tourismus im Außerfern dann vollends. Stern wurde von seinen Gegnern persönlich für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1938 begann schließlich die dunkelste Phase seines Lebens. Obwohl Stern katholisch getauft war, wurde er aufgrund seiner jüdischen Vorfahren nach den Nürnberger Gesetzen verfolgt. Die Nationalsozialisten sahen in ihm den Prototypen des „jüdischen Kapitalisten“. Seine Kanzlei wurde arisiert und sein gesamtes Vermögen konfisziert. Er wurde inhaftiert und unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert. Gauleiter Franz Hofer persönlich hatte es auf Stern abgesehen und trieb seine Verfolgung voran.
Hermann Stern wurde schließlich aus seiner Heimat Tirol nach Nürnberg vertrieben. In der Verbannung lebte er in Armut und ständiger Angst um sein Leben. Die Haftbedingungen hatten seine Gesundheit ruiniert, und er erblindete im Exil fast vollständig. Er war ein gebrochener Mann, der alles verloren hatte, was er sich aufgebaut hatte. Dennoch überlebte er den Horror des Krieges und der Verfolgung.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Hermann Stern im Jahr 1945 nach Tirol zurück. Er hoffte auf Gerechtigkeit und die Rückgabe seines geraubten Eigentums. Doch die junge Republik Österreich und die Gemeinde Reutte empfingen ihn mit Kälte. Die Mühlen der Restitution mahlten quälend langsam und oft gegen die Opfer. Viele derjenigen, die von seiner Vertreibung profitiert hatten, saßen noch immer in einflussreichen Positionen. Er wurde als lästiger Rückkehrer betrachtet.
Dr. Hermann Stern starb im Jahr 1952 in Innsbruck, einsam und verbittert über die mangelnde Anerkennung. Er erlebte nicht mehr, wie seine Projekte – das Metallwerk und die Zugspitzbahn – zu neuem Glanz aufstiegen. Jahrzehntelang wurde sein Name aus der offiziellen Geschichte der Marktgemeinde Reutte getilgt. Erst in den späten 1990er-Jahren begann eine zaghafte Aufarbeitung seines Schicksals. Historiker - vorrangig Dr. Richard Lipp - beleuchteten seine Leistungen und das bittere Unrecht, das ihm angetan wurde. Heute erinnert eine Gedenktafel am „Grünen Haus“ in Reutte an sein außergewöhnliches und für das Außerfern fruchtbringende Leben.
Seine Geschichte ist eine Mahnung an die Fragilität von Erfolg und die Grausamkeit des Totalitarismus. Dr. Hermann Stern war ein Mann, der dem Außerfern Licht, Arbeit und Fortschritt brachte, den Bezirk "aus dem Dornröschenschlaf der Agrargesellschaft in das Industriezeitalter katapultierte", wie es Richard Lipp formulierte. Dass er dafür mit Vertreibung und Enteignung bezahlt wurde, ist ein dunkler Fleck in der regionalen Geschichte. Wir sollten ihn heute als das in Erinnerung behalten, was er war: Ein mutiger Visionär, der seiner Zeit voraus war. Die Gebäude und Fabriken, die durch sein Dazutun geschaffen wurden, stehen noch immer als Zeugen seiner Tatkraft.
Die Inschrift der Gedenktafel im "Grünen Haus"
"Zur Erinnerung an
Dr. Hermann Stern
* 24.05.1878 + 24.08.1952
Rechtsanwalt und Wirtschaftspionier, Reuttener Vizebürgermeister und Träger des Goldenen Ehrenzeichens für die Verdienste um die Republik Österreich.
Das Außerfern verdankt ihm unter anderem den Ausbau des Elektrizitätswerkes Reutte, die Ansiedlung des Metallwerkes PLANSEE und den Bau der Zugspitzbahn.
Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Dr. Stern in der NS-Zeit (1938-1945) verfolgt und gezwungen, seine Kanzlei zu schließen und Reutte zu verlassen."
Dass Hermann Sterns Wirken heute wieder im öffentlichen Gedächtnis verankert ist, ist bürgerlichem Engagement zu verdanken. Über Jahrzehnte blieb seine Geschichte im Dunkel, bis eine Initiative sie wieder ans Licht brachte.
Maßgeblich beteiligt waren der Architekt Sighard Wacker, sowie der Publizist Markus Wilhelm und die Gymnasialprofessorin Sabine Beirer-Raffl. Ihr gemeinsamer Einsatz führte dazu, dass die Gedenktafel im „Grünen Haus“ in Reutte 2017 enthüllt werden konnte.