
die Insel im Fernsteinsee welche die Ruine der Sigmundsburg trägt
Aus: Außferner Bote vom 16. März 1935
Bekanntlich flüchtete sich König Ludwig II. von Bayern, wenn es nur halbwegs möglich war, in die stille Bergeinsamkeit von Hohenschwangau. Hier fand er Ruhe und Friede für sein durchwühltes Inneres, fern von den trügerischen Lockungen der Welt und dem Zwang des Hofes.

Wurde es ihm in Hohenschwangau zu eng und widerte ihn auch nur der leiseste Hofgeist an, dann fuhr er in die Bergeinsamkeit, nur von einem Diener und dem Leibjäger begleitet. In Vils, dem stillen Landstädtchen, mit seinem bäuerlichen Milieu, hielt sich der unglückliche König Jahre hindurch an manchem Wochentage auf. Im Gasthof „Zum grünen Baum" wurden von der königlichen Hofkammerverwaltung für ihn zwei Zimmer in Miete genommen und eingerichtet. Ruhig und still ist es in dem putzigen Nestchen, damals, als noch keine Bahn durchs grüne Tal zog und noch kein Zementwerk bestand, noch mehr. Die Gegend ist ungemein freundlich, die Burg Vilsegg grüßt von einem Waldhügel, die Berge ringsum halten Talwacht und die Feste Falkenstein leuchtet von hohem Kalkfelsen. An ihrer Stelle wollte der kunstfrohe Fürst noch ein herrlicheres Märchenschloß errichten, als es Neuschwanstein ist. Die Herdenglocken und das Rauschen des Hochwaldes, der Klang der Sense und Vogelgezwitscher drang durch das offene Fenster, wenn der König sinnend in seinem Zimmer saß...
Zu weiteren Ausfahrten wählte der König Reutte, Lermoos und den Fernpaß. Nach Reutte, dem stattlichen, freundlichen Tiroler Marktflecken, mit seinen bemalten Häusern, in breiter Talweite des Lech ungemein anmutig gelegen, umgeben von einem Kranz von Bergen, kam der stille Fürst oft und oft und machte im altberühmten Postgasthof wiederholt Station. Viele Fürsten und hohe Häupter haben im Laufe der Zeiten in demselben Einkehr gehalten und Quartier bezogen, erlauchte Prinzen aus den Geschlechtern Habsburg und Wittelsbach, hohe kirchliche Würdenträger, Fürsten des Geistes und der Kunst. Auch Goethe hat auf seiner Reise nach Italien hier genächtigt und in das Fremdenbuch eingetragen: „Hier ist gut sein". Das alte Fremdenbuch des Gasthofes „Zur Post" in Reutte wäre ein wertvolles Stück für ein Museum, denn es enthält Namen, wie vielleicht kein zweites in weiten Landen. Leider ist es während des Krieges in unrechte Hände geraten und verschwunden.
Zur Zeit, als der König in Reutte Einkehr hielt, stand der Gasthof im Besitze des Postmeisters Angerer, einem ehemaligen Hauptmann der österreichischen Armee, nachmaliger Landtagsabgeordneter von Tirol und Bürgermeister seines schönen Heimatortes Reutte, einem geistig hochstehenden Mann. Mit diesem stand der König in freundschaftlichem Verkehr, unterhielt sich mit ihm manche Stunde auf einem Zimmer, wobei über Kunst, Wissenschaft und allerlei Fragen gesprochen wurde.
Der König kam etwa nicht nur an schönen, sonnigen Tagen, sondern auch an trüben Regentagen nach Reutte, verblieb den ganzen Tag und benutzte dann vielfach auch die reichhaltige und mit seltenen Büchern ausgestattete Privatbücherei des Postmeisters.
Wollte der König das gewaltige Hochgebirge auf sich einwirken lassen, dann gingen seine Fahrten hinein nach „Zwischentoren", das ist das grüne, freundliche Tal, da es zwischen den Talsperren der genannten Festung und beim Fernpaß liegt, die seinerzeit stark befestigt waren. Von der „Post" in Lermoos, ebenfalls eine der bekanntesten Gaststätten Tirols, die ihre eigene Geschichte hat und nach und nach, sich dem großen Fremdenverkehr anpassend, der in dieser Gegend sich abwickelt, zu einem Fremdenhotel ersten Ranges geworden ist, genießt man einen Ausblick auf die Zugspitze und das wilde Wettersteingebirge, dessen Wirkung eine nachhaltige ist. Man muß diesen Ausblick einmal genießen, dann wirkt er in der Seele unvergeßlich nach.

Das Bild der Sonnenspitze, die kühn in den Aether ragt und all der mächtigen Trabanten des Zugspitzmassiv's und des Wettersteins, die dem weiten Talkessel wie eine Riesengarde umstehen, erstehen wieder vor dem Auge, es gleißt und glänzt das Sonnengold in den rötlich-weißen Felsen und Wänden, hellgrüne Tannenhaine säumen das Talgelände ein und darüber ein steinernes Meer der wildesten Bergwelt. Gegen Süden geht es dem Fernpaß zu, vielleicht der schönste Alpenpaß, den es überhaupt gibt, mit einer fesselnden Abwechslung und Romantik, mit stimmungsvollen Seen, gebettet im Waldesdunkel, darüber die bleichen Berge der Kalkalpen. In Fernstein, dem schönsten Punkt der Fernpaßstraße, hielt sich der König im dortigen, damals einfachen und schlichten Einkehrgasthause ganz besonders gerne auf und verblieb manchmal einige Tage. Die „Königszimmer" werden heute noch gezeigt.
Im schönsten der tiefgrünen Seen, die dem Fernpaßwanderer aus der waldbedeckten, kuppenreichen Talsohle bald da bald dort entgegeuleuchten, liegt ein hoher, waldiger Inselberg, mit dem Lande durch eine schmale Zunge von Osten her verbunden; auf ihm errichtete der jagdlustige Herzog Sigismund sein Lieblingsschloß. Die ehemalige „Klause" wurde in ein Schlößchen umgebaut, das, in Verbindung mit anderen Nebengebäuden, wie ein Schwalbennest an der steilen Berglehne haftet.
Wo man hinblickt nur Poesie und ein Stück Mittelalter. Mönche aus einer berühmten Benediktinersiedlung haben in jüngster Zeit hier ihre Zelte aufgeschlagen und erhöhen noch die Romantik.
Bei leuchtendem Mondschein fuhr der König durch die verschneiten Wälder, durch einsame Winterstille und verbrachte jedesmal einige Tage, ganz für sich lebend, daselbst, alles um sich vergessend, nur mit der hehren Bergwelt in Verbindung und fand Ruhe und Abspannung.
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