Aus: Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 5. Juni 1908
Als Auswanderungsgebiet in Nordtirol kommen hauptsächlich die Bezirke Landeck, Imst und Reutte in Betracht. Die großen Flächen unproduktiven Bodens und die teilweise etwas schlechten klimatischen Verhältnisse drücken die Bodenerträgnisse stark herunter, und bei dem beinahe gänzlichen Mangel an Industrie ist ein bedeutendes Kontingent der männlichen Bevölkerung gezwungen, auswärts für sich und die Familie Erwerb zu suchen.
Diese Auswanderer stehen in der benachbarten Schweiz, in Bayern und Württemberg hauptsächlich als Bauhandwerker in Verwendung und sind wegen ihrer Tüchtigkeit und Verläßlichkeit beliebt und gesucht.
In den Monaten Februar, März und April verlaßen sie ihre Bergheimat und im Spätherbst und im Frühwinter kehren sie in ihre liebe Heimat wieder. Den Großteil dieser Auswanderer stellen das Paznauner-, Stanzer-, Lech- und Tannheimertal. Das Ziel der Paznauner und Stanzertaler ist die „freie" Schweiz. Sie sind daselbst als Steinhauer, Maurer und Handlanger — man verzeihe den Ausdruck — ein gesuchter Artikel. In ihrer angeborenen Arbeitsamkeit und Genügsamkeit stehen sie meistens im besten Einvernehmen mit dem Arbeitgeber, harren durch lange Jahre in der gleichen Arbeitsstelle aus und sind so lang als möglich Feinde eines Streiks. Es gibt alte Maurer aus diesen Tälern, welche 40 und 50 Jahre beim gleichen Meister in Arbeit standen. In den Städten Zürich, St. Gallen, Basel und Bern findet man ganze Kolonien nordtirolischer Arbeiter. Einzelne Partien finden ihren Weg auch nach Baden, Elsaß und Frankreich. Die Zeit zwischen 1880 bis 1895 war in der Schweiz eine blühende Bauperiode, und ein Auswanderer verdiente sich ein schönes Geld. Wer die Franken zusammenhielt, brachte 500 bis 700 mit in die Heimat.
Einzelne tüchtige junge Männer brachten es zu schönen, selbständigen Stellungen und machten ihrem Vaterlande Ehre. An dieser Stelle finde der weit über die Gemarkungen des Tales Paznaun bekannte Hermenigild Schwaighofer Erwähnung, der heute in liebenswürdigster Weise dem müden Wanderer sein gastliches Heim öffnet. Seit dem Bestehen der Arlbergbahn hat die Auswanderungsziffer in den an der Bahn gelegenen Orten zwischen Imst und St. Anton bedeutend abgenommen, da ein guter Teil der Männer und Burschen in der Heimat Verdienst findet. Das „Obergricht", das ist der Gerichtsbezirk Ried und Nauders im politischen Bezirke Landeck, schickt immer noch viele Auswanderer in das Ausland. Hierin steht an erster Stelle die große Pfarrgemeinde Fließ. Aus dem „Obergricht" wanderten früher sehr viele Männer nach der grünen Steiermark und fanden in den Bergwerken daselbst Beschäftigung. — Die Holzknechte aus dem Pitztal sind gesuchte Arbeiter. —
Die Lechtaler und die Männer aus der Gegend von Reutte wandern als Maurer nach Bayern. Letztere halten sich hauptsächlich in Bayerns herrlicher Metropole auf und finden daselbst reichlichen Verdienst. Einige angesehene Baufirmen in München sind von Tirolern aus den letztbezeichneten Gegenden gegründet worden. Im Lechtale ihre Heimat haben auch viele Stukkateure, die sich nach den größeren Städten Deutschlands begeben. Das eigentliche „Land der Stukkateure" ist das liebliche den Charakter der allgäuischen Täler tragende Tannheimertal. Hunderte von Männern aus diesem Tal wandern alljährlich nach allen Richtungen der Windrose über die Grenze. Der Tannheimer Stukkateur ist oft Künstler in seinem Fache, und wir finden ihn in allen großen Städten Norddeutschlands, in Rußland, in den nordischen Staaten, in Holland und Belgien, auch in Paris und Wien usw. Diese Auswanderer bleiben ihrer grünen Bergheimat mit seltener Liebe treu, kehren im Frühwinter zu ihren Angehörigen zurück und bringen die Ersparnisse mit. Allerdings nehmen sie auch großstädtische Manieren an und kleiden sich nach der Mode. Dies steht in etwas hellem Kontrast zu der patriarchalischen Einfachheit der in der Heimat Zurückbleibenden und gibt im Winter Anlaß zu manchen Neckereien.
Seinerzeit trieben es die Maurer aus dem Paznaun in dieser Richtung etwas zu bunt, und der Kurat Lindentaler in Kappl hat ihr Verhalten in einer etwas scharfen Predigt gegeißelt. Die „Kappler Predigt" ist zu einer gewißen Berühmtheit gelangt, und das Prädikat „Langelsbettler", „Summerlauser" und „Winterheara" für die Maurer aus Kappl war in dieser Gegend lange in aller Munde.
In der Gegend von Reutte zeichnet sich von jeher und jetzt noch eine Gemeinde durch die Noblesse ihrer auswandernden männlichen Einwohner aus. Dieselben hielten sich immer in München auf, verdienten sehr viel, waren aber im Winter auch die nobelsten Herren.
An den Festtagen konnte man sie zur Genüge mit einer „Angströhre" behauptet auf dem Kirchweg sehen. Auch sollen sie im Winter in ihrer Heimatsgemeinde hie und da einen anständigen „Münchnadurst" entwickelt haben und sich dadurch und durch ihre etwas übertriebene Kleidersucht das Mißfallen des Pfarrherren zugezogen haben, der in ähnlicher Weise wie der Kurat Lindentaler seinen Unmut hierüber Luft machte.
Im Ausfern suchen die Männer von Berwang, Zwischentoren und aus der Gegend von Vils im benachbarten Bayern als Maurer ihren Lebensunterhalt. Die wetterharten Mannen aus dem berühmt werdenden Zugspitzendorf Ehrenwald wandern als Holzknechte über die blauweißen Grenzpfähle.
Außer dieser genannten Täler sei noch das liederreiche Zillertal erwähnt. Zahlreiche junge Männer aus diesem Tale bringen viele Jahre in Norddeutschland und in den großen Meiereien um Wien als Schweizer zu. Der auswandernden Handschuhhändler aber werden immer weniger.
Ueberhaupt kann im ganzen Auswanderungsgebiet ein Rückgang in der Zahl der periodischen Auswanderer verzeichnet werden. Es erklärt sich dies in der in diesen Gebieten doch ein wenig bemerkbaren Besserung der sozialen Verhältnisse der langsam wachsenden Industrie, und nicht an letzter Stelle durch den stets steigenden Fremdenverkehr.
Unter den Mißständen, welche Auswanderungen im Gefolge haben, seien die in der Fremde eingegangenen Mischehen noch erwähnt. Beispielsweise haben aus der Gemeinde K. wenigstens vierzig zuständige Männer eine Mischehe in der Schweiz geschloßen.
Als Auswanderungsgebiet in Nordtirol kommen hauptsächlich die Bezirke Landeck, Imst und Reutte in Betracht. Die großen Flächen unproduktiven Bodens und die teilweise etwas schlechten klimatischen Verhältnisse drücken die Bodenerträgnisse stark herunter, und bei dem beinahe gänzlichen Mangel an Industrie ist ein bedeutendes Kontingent der männlichen Bevölkerung gezwungen, auswärts für sich und die Familie Erwerb zu suchen.
Diese Auswanderer stehen in der benachbarten Schweiz, in Bayern und Württemberg hauptsächlich als Bauhandwerker in Verwendung und sind wegen ihrer Tüchtigkeit und Verläßlichkeit beliebt und gesucht.
In den Monaten Februar, März und April verlaßen sie ihre Bergheimat und im Spätherbst und im Frühwinter kehren sie in ihre liebe Heimat wieder. Den Großteil dieser Auswanderer stellen das Paznauner-, Stanzer-, Lech- und Tannheimertal. Das Ziel der Paznauner und Stanzertaler ist die „freie" Schweiz. Sie sind daselbst als Steinhauer, Maurer und Handlanger — man verzeihe den Ausdruck — ein gesuchter Artikel. In ihrer angeborenen Arbeitsamkeit und Genügsamkeit stehen sie meistens im besten Einvernehmen mit dem Arbeitgeber, harren durch lange Jahre in der gleichen Arbeitsstelle aus und sind so lang als möglich Feinde eines Streiks. Es gibt alte Maurer aus diesen Tälern, welche 40 und 50 Jahre beim gleichen Meister in Arbeit standen. In den Städten Zürich, St. Gallen, Basel und Bern findet man ganze Kolonien nordtirolischer Arbeiter. Einzelne Partien finden ihren Weg auch nach Baden, Elsaß und Frankreich. Die Zeit zwischen 1880 bis 1895 war in der Schweiz eine blühende Bauperiode, und ein Auswanderer verdiente sich ein schönes Geld. Wer die Franken zusammenhielt, brachte 500 bis 700 mit in die Heimat.
Einzelne tüchtige junge Männer brachten es zu schönen, selbständigen Stellungen und machten ihrem Vaterlande Ehre. An dieser Stelle finde der weit über die Gemarkungen des Tales Paznaun bekannte Hermenigild Schwaighofer Erwähnung, der heute in liebenswürdigster Weise dem müden Wanderer sein gastliches Heim öffnet. Seit dem Bestehen der Arlbergbahn hat die Auswanderungsziffer in den an der Bahn gelegenen Orten zwischen Imst und St. Anton bedeutend abgenommen, da ein guter Teil der Männer und Burschen in der Heimat Verdienst findet. Das „Obergricht", das ist der Gerichtsbezirk Ried und Nauders im politischen Bezirke Landeck, schickt immer noch viele Auswanderer in das Ausland. Hierin steht an erster Stelle die große Pfarrgemeinde Fließ. Aus dem „Obergricht" wanderten früher sehr viele Männer nach der grünen Steiermark und fanden in den Bergwerken daselbst Beschäftigung. — Die Holzknechte aus dem Pitztal sind gesuchte Arbeiter. —
Die Lechtaler und die Männer aus der Gegend von Reutte wandern als Maurer nach Bayern. Letztere halten sich hauptsächlich in Bayerns herrlicher Metropole auf und finden daselbst reichlichen Verdienst. Einige angesehene Baufirmen in München sind von Tirolern aus den letztbezeichneten Gegenden gegründet worden. Im Lechtale ihre Heimat haben auch viele Stukkateure, die sich nach den größeren Städten Deutschlands begeben. Das eigentliche „Land der Stukkateure" ist das liebliche den Charakter der allgäuischen Täler tragende Tannheimertal. Hunderte von Männern aus diesem Tal wandern alljährlich nach allen Richtungen der Windrose über die Grenze. Der Tannheimer Stukkateur ist oft Künstler in seinem Fache, und wir finden ihn in allen großen Städten Norddeutschlands, in Rußland, in den nordischen Staaten, in Holland und Belgien, auch in Paris und Wien usw. Diese Auswanderer bleiben ihrer grünen Bergheimat mit seltener Liebe treu, kehren im Frühwinter zu ihren Angehörigen zurück und bringen die Ersparnisse mit. Allerdings nehmen sie auch großstädtische Manieren an und kleiden sich nach der Mode. Dies steht in etwas hellem Kontrast zu der patriarchalischen Einfachheit der in der Heimat Zurückbleibenden und gibt im Winter Anlaß zu manchen Neckereien.
Seinerzeit trieben es die Maurer aus dem Paznaun in dieser Richtung etwas zu bunt, und der Kurat Lindentaler in Kappl hat ihr Verhalten in einer etwas scharfen Predigt gegeißelt. Die „Kappler Predigt" ist zu einer gewißen Berühmtheit gelangt, und das Prädikat „Langelsbettler", „Summerlauser" und „Winterheara" für die Maurer aus Kappl war in dieser Gegend lange in aller Munde.
In der Gegend von Reutte zeichnet sich von jeher und jetzt noch eine Gemeinde durch die Noblesse ihrer auswandernden männlichen Einwohner aus. Dieselben hielten sich immer in München auf, verdienten sehr viel, waren aber im Winter auch die nobelsten Herren.
An den Festtagen konnte man sie zur Genüge mit einer „Angströhre" behauptet auf dem Kirchweg sehen. Auch sollen sie im Winter in ihrer Heimatsgemeinde hie und da einen anständigen „Münchnadurst" entwickelt haben und sich dadurch und durch ihre etwas übertriebene Kleidersucht das Mißfallen des Pfarrherren zugezogen haben, der in ähnlicher Weise wie der Kurat Lindentaler seinen Unmut hierüber Luft machte.
Im Ausfern suchen die Männer von Berwang, Zwischentoren und aus der Gegend von Vils im benachbarten Bayern als Maurer ihren Lebensunterhalt. Die wetterharten Mannen aus dem berühmt werdenden Zugspitzendorf Ehrenwald wandern als Holzknechte über die blauweißen Grenzpfähle.
Außer dieser genannten Täler sei noch das liederreiche Zillertal erwähnt. Zahlreiche junge Männer aus diesem Tale bringen viele Jahre in Norddeutschland und in den großen Meiereien um Wien als Schweizer zu. Der auswandernden Handschuhhändler aber werden immer weniger.
Ueberhaupt kann im ganzen Auswanderungsgebiet ein Rückgang in der Zahl der periodischen Auswanderer verzeichnet werden. Es erklärt sich dies in der in diesen Gebieten doch ein wenig bemerkbaren Besserung der sozialen Verhältnisse der langsam wachsenden Industrie, und nicht an letzter Stelle durch den stets steigenden Fremdenverkehr.
Unter den Mißständen, welche Auswanderungen im Gefolge haben, seien die in der Fremde eingegangenen Mischehen noch erwähnt. Beispielsweise haben aus der Gemeinde K. wenigstens vierzig zuständige Männer eine Mischehe in der Schweiz geschloßen.
Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten!
Einen Kommentar hinterlassen