Aus: Außferner Bote vom 18. Juli 1934
Wer die wirtschaftliche Entwicklung eines Gebietes kennt und Einblick in vergangene Zeiten hat, kommt zur Erkenntnis, daß im Laufe einer größeren Zeitspanne dasselbe verschiedene Entwicklungsperioden, Auf- und Abstieg zu verzeichnen hat; bedingt durch die oft als notwendig erscheinende Umstellung eines Teiles des Erwerbslebens und durch Einflüsse verschiedener Art von außen her. So hat Reutte selbst Glanzzeiten des Erwebslebens zu verzeichnen, insbesondere zur Zeit des großen Durchzugsverkehrs, aber auch Zeiten des wirtschaftlichen Rückschlages und Erwerbsstockungen, wie wir sie zurzeit erleben. Der Bevölkerung Außerferns rühmt man nach, daß sie rührig im Erwerb ist, auch unternehmungslustig und schaffensfroh. Wenn wir Rückschau halten in vergangene Zeiten dieser Kleinwelt, so finden wir in den Glanzzeiten von Reutte und auch anderer Orte des Bezirkes verschiedene Stätten der Kleinindustrie und des Gewerbfleißes, die Zeugnis gaben von der Tüchtigkeit seiner Bewohner, die infolge der geringen Bodenerzeugnisse sich immer tüchtig rühren mußten, um die Lebensmöglichkeit für die kinderreichen Familien zu schaffen. All diese einstmaligen Stellen des menschlichen Fleißes, die ein schönes Stück Geld einbrachten, sind durch die Zeitverhältnisse verursacht, verschwunden. Damals gab es noch keinen Fremdenverkehr und auch keine Saisonarbeiter, die außerhalb des Bezirkes Arbeit und Verdienst fanden. Man behalf sich eben anderweitig, man war viel bedürfnisloser als heutzutage, man fand sein Auskommen, ja man legte nennenswerte Ersparnisse an. Solche verzeichnen die Handelsleute aus dem Lechtale, die in Deutschland, Niederlande und Belgien ihren Wohlstand gründeten.
Reutte war der Hauptsitz der Kleinindustrie und des Gewerbes. Hier bestand einstmals eine Zinngießerei im Obermarkt, eine weitbekanne Werkstätte für Fischbeinerzeugung (Tauscherhaus), eine solche für Modellschnitzerei im Stöckelgsbäude des „Königshauses" im Obermarkt, eine für Figuren aus Holz und Gips im Albertanihaus, in ganz alter Zeit eine „Kugelmühle", Schwertschmiede, dann eine Kupferstecherei, eine Messer- und Goldschmiede, eine Schnallenschmiede, zwei Nagelschmiede, zwei Hafnereien. Im heutigen Gratlhaus im Obermarkt wurde Essig erzeugt, es gab einen Lauten- und Perückenmacher, zwei Färbereien, eine Lodenwalke im Hause der Schlosserei Singer, es gab Kappenmacher, Huter, „Söckler" (Kürschner, vornehmlich zur Herstellung der Lederhosen). Dann gab es eine Farbmühle, Büchsenmacher und Dachdecker. Reutte beschäftigte als Umschlagplatz viele Menschen, die Brauindustrie war durch vier Brauereien in Reutte, je einer in Lech-Aschau, Häselgehr und Holzgau stärker vertreten. In der näheren und weiteren Umgebung von Reutte bestand ein Blech Zugwerk in der Hüttenmühle, eine doppelte Hammerschmiede in Pflach, drei Nagelschmieden in Ehenbichl, zwei solche in Weißenbach, eine kleine Baumwollspinnerei am „Ruana" (Lech-Aschau), zwei Gipsmühlen in Mühl, die Papiermühle im Zwieseltale, Spitzenerzeugung auf der Klause, zwei Seilereien in Reutte, eine Oelstampfe in Pflach (heute Feigenkaffeefabrik Schretter), welche den Leinsamen verarbeitete, den es bei uns massenhaft gab.
Es war eine Rotgerberei in Reutte, später entstand die Lederfabrik, eine Rot- und Weißgerberei in Weißenbach, eine Silberschmiede in Musau, eine Plattnerei in Lech-Aschau, eine Drahtzieherei, Glashütte, Pechsiederei, Löffelschmiede und Tabakerzeugung in kleinem Maßstab in Heiterwang, eine Knöpflerei in Bichlbach, eine Färberei in Biberwier und eine Werkstätte für Posamentierarbeiten*. Ehrwald war bekannt durch die Erzeugung von Pfeifenspitzen, Kammacherei sowie der Bruchstellen für Kreide, Feuer- und Wetzsteine und einer Werkstätte für Filigranarbeiten. In Vils gab es Geigenmacher, in Häselgehr Glockengießer (bestehen heute noch zum Teil). Bald hätten wir die Tuchfabrikation in der Neumühle bei Reutte vergessen, deren Erzeugnisse waren gesucht und wurden weithin verschickt. In spätere Zeit fällt die Sensenfabrikation in Biberwier, die von Zündhölzchen ebenda und in Lech-Aschau. Im Lechtal fand die Vorarlberger Stickerei Nachahmung. Von all diesen Erwerbszweigen ist nur noch der Name und die Erinnerung geblieben. In dem auch in Außerfern einstmals blühenden Zunftwesen fanden die meisten dieser Gewerbe eine gemeinsame Heim- und Förderungsstätte. Die Zeiten und die Erwerbsformen haben sich eben geändert. Zu bemerken wäre noch, daß wir auch Ortsbezeichnungen finden, die auf das frühere Erwerbsleben Bezug haben. So gibt es bei Pflach noch eine "Tuchbleiche" usw. Man kann ruhig behaupten, daß auch die in unserem Bezirke einstmals erzeugten Artikel und Waren sich eines ausgezeichneten Rufes erfreuten.
* - schmückende Zierbänder, Borten, Fransen, Kordeln, Quasten und Quastenbänder
Wer die wirtschaftliche Entwicklung eines Gebietes kennt und Einblick in vergangene Zeiten hat, kommt zur Erkenntnis, daß im Laufe einer größeren Zeitspanne dasselbe verschiedene Entwicklungsperioden, Auf- und Abstieg zu verzeichnen hat; bedingt durch die oft als notwendig erscheinende Umstellung eines Teiles des Erwerbslebens und durch Einflüsse verschiedener Art von außen her. So hat Reutte selbst Glanzzeiten des Erwebslebens zu verzeichnen, insbesondere zur Zeit des großen Durchzugsverkehrs, aber auch Zeiten des wirtschaftlichen Rückschlages und Erwerbsstockungen, wie wir sie zurzeit erleben. Der Bevölkerung Außerferns rühmt man nach, daß sie rührig im Erwerb ist, auch unternehmungslustig und schaffensfroh. Wenn wir Rückschau halten in vergangene Zeiten dieser Kleinwelt, so finden wir in den Glanzzeiten von Reutte und auch anderer Orte des Bezirkes verschiedene Stätten der Kleinindustrie und des Gewerbfleißes, die Zeugnis gaben von der Tüchtigkeit seiner Bewohner, die infolge der geringen Bodenerzeugnisse sich immer tüchtig rühren mußten, um die Lebensmöglichkeit für die kinderreichen Familien zu schaffen. All diese einstmaligen Stellen des menschlichen Fleißes, die ein schönes Stück Geld einbrachten, sind durch die Zeitverhältnisse verursacht, verschwunden. Damals gab es noch keinen Fremdenverkehr und auch keine Saisonarbeiter, die außerhalb des Bezirkes Arbeit und Verdienst fanden. Man behalf sich eben anderweitig, man war viel bedürfnisloser als heutzutage, man fand sein Auskommen, ja man legte nennenswerte Ersparnisse an. Solche verzeichnen die Handelsleute aus dem Lechtale, die in Deutschland, Niederlande und Belgien ihren Wohlstand gründeten.
Reutte war der Hauptsitz der Kleinindustrie und des Gewerbes. Hier bestand einstmals eine Zinngießerei im Obermarkt, eine weitbekanne Werkstätte für Fischbeinerzeugung (Tauscherhaus), eine solche für Modellschnitzerei im Stöckelgsbäude des „Königshauses" im Obermarkt, eine für Figuren aus Holz und Gips im Albertanihaus, in ganz alter Zeit eine „Kugelmühle", Schwertschmiede, dann eine Kupferstecherei, eine Messer- und Goldschmiede, eine Schnallenschmiede, zwei Nagelschmiede, zwei Hafnereien. Im heutigen Gratlhaus im Obermarkt wurde Essig erzeugt, es gab einen Lauten- und Perückenmacher, zwei Färbereien, eine Lodenwalke im Hause der Schlosserei Singer, es gab Kappenmacher, Huter, „Söckler" (Kürschner, vornehmlich zur Herstellung der Lederhosen). Dann gab es eine Farbmühle, Büchsenmacher und Dachdecker. Reutte beschäftigte als Umschlagplatz viele Menschen, die Brauindustrie war durch vier Brauereien in Reutte, je einer in Lech-Aschau, Häselgehr und Holzgau stärker vertreten. In der näheren und weiteren Umgebung von Reutte bestand ein Blech Zugwerk in der Hüttenmühle, eine doppelte Hammerschmiede in Pflach, drei Nagelschmieden in Ehenbichl, zwei solche in Weißenbach, eine kleine Baumwollspinnerei am „Ruana" (Lech-Aschau), zwei Gipsmühlen in Mühl, die Papiermühle im Zwieseltale, Spitzenerzeugung auf der Klause, zwei Seilereien in Reutte, eine Oelstampfe in Pflach (heute Feigenkaffeefabrik Schretter), welche den Leinsamen verarbeitete, den es bei uns massenhaft gab.
Es war eine Rotgerberei in Reutte, später entstand die Lederfabrik, eine Rot- und Weißgerberei in Weißenbach, eine Silberschmiede in Musau, eine Plattnerei in Lech-Aschau, eine Drahtzieherei, Glashütte, Pechsiederei, Löffelschmiede und Tabakerzeugung in kleinem Maßstab in Heiterwang, eine Knöpflerei in Bichlbach, eine Färberei in Biberwier und eine Werkstätte für Posamentierarbeiten*. Ehrwald war bekannt durch die Erzeugung von Pfeifenspitzen, Kammacherei sowie der Bruchstellen für Kreide, Feuer- und Wetzsteine und einer Werkstätte für Filigranarbeiten. In Vils gab es Geigenmacher, in Häselgehr Glockengießer (bestehen heute noch zum Teil). Bald hätten wir die Tuchfabrikation in der Neumühle bei Reutte vergessen, deren Erzeugnisse waren gesucht und wurden weithin verschickt. In spätere Zeit fällt die Sensenfabrikation in Biberwier, die von Zündhölzchen ebenda und in Lech-Aschau. Im Lechtal fand die Vorarlberger Stickerei Nachahmung. Von all diesen Erwerbszweigen ist nur noch der Name und die Erinnerung geblieben. In dem auch in Außerfern einstmals blühenden Zunftwesen fanden die meisten dieser Gewerbe eine gemeinsame Heim- und Förderungsstätte. Die Zeiten und die Erwerbsformen haben sich eben geändert. Zu bemerken wäre noch, daß wir auch Ortsbezeichnungen finden, die auf das frühere Erwerbsleben Bezug haben. So gibt es bei Pflach noch eine "Tuchbleiche" usw. Man kann ruhig behaupten, daß auch die in unserem Bezirke einstmals erzeugten Artikel und Waren sich eines ausgezeichneten Rufes erfreuten.
* - schmückende Zierbänder, Borten, Fransen, Kordeln, Quasten und Quastenbänder
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