Aus: Außferner Bote, Serie im Juni und Juli 1934
Er war schon in den ersten Schuljahren ein aufgeweckter Knirps der Lois, mit einem ganz weißen Schopf, der das „Einmaleins" und das „Abc" bald los hatte. Und als die „Bibel" nur an solche verteilt wurde, die gut lesen konnten, da war der Lois einer der Ersten, der eine erhielt. Und wie ein Heißhungriger über ein schmackhaftes Essen, machte er sich darüberher.
Alles interessierte ihn, und nicht gar lange dauerte es, so konnte er das ganze Buch, von der „Erschaffung der Welt" bis zur „Aussendung der Apostel" so geläufig erzählen, wie die Räubergeschichten, die er an Winterabenden, die Füße auf die Ofenbank gezogen, von seinem Vater gehört. Schon damals war ihm die Geschichte seine Lieblingslektüre. Deshalb ging es auch im Katechismus nicht so glänzend, aber der Lois hatte ein gutes Gedächtnis und dies half ihm in der Religionsstunde über das „Steckenbleiben" hinweg.
Dafür erhielt er bei der Prüfung am Frühjahr ein schönes Gebetbüchlein, das so gut gebunden war, daß er es kaum öffnen konnte und so gut roch und ein paar nagelneue „Holzknospen" und Wollstrümpfe als Preis. Da war der Lois nicht wenig stolz, als er mit geschulterten Holzknospen die Strümpfe und das Gebetbüchlein in der Hand, zu Hause das Stübchen betrat. — Man verwunderte sich nicht ob seinen Anerkennungs-Diplomen, denn sie wußten ja, wie „gescheit" ihr Bub war, der so schön an Abenden beim „Sticken" aus der Legende vorlas und die schönsten Gedichte auswendig wußte. Aber sie freuten sich doch und meinten: „Für ihn wäre 'studieren' am besten, und: „der würde einen rechten Pfarrer abgeben."
Aber bei dem blieb es auch, nämlich bei der Meinung. Leider! Der Lois grämt sich noch jetzt ob seines verfehlten Berufes.
Dafür mußte er im Sommer bei irgend einem Bauern im Dorfe das Vieh hüten und später, als er zehn Jahre zählte, tat man ihn gar in das „Schwabeland" verdingen. Seine Mutter selbst brachte ihn bis nach Ravensburg auf den Markt. Sie mußte auch gar nicht lange warten, war ein Bauer zur Stelle und fragte sie, ob der Bub noch „frei" sei, und als die Mutter bejahte, schloß man den „Kauf". Er sollte zehn Gulden und das doppelte „G'wand" sowie zwei paar Stiefel erhalten, auch einen Gulden „Hafting" und einen Gulden „Schnitthahnen". Dem Bauer schien es nicht zuviel zu sein, der Lois schien ihm zu gefallen, denn er schloß gleich den „Handel" und übergab der Mutter den Gulden „Hafting".
Man ging dann noch in ein Wirtshaus, um bei Bier und Bratwurst den Abschiedsschmerz zu mildern und am Spätnachmittage nahm die Mutter „Pfiet Got", um wieder heimwärts zu wandern, oder ein anderes ihrer vielen Kinder im „Schwabenland" zu besuchen und der Lois fuhr mit dem Bauer in einer Kalesche auf seine Besitzung, die weit von Ravensburg entfernt war, denn sie fuhren bei Mitternacht in verschiedenen Krümmungen durch Wald und Flur. Dieses traurige Los teilten aber mit dem Lois noch viele, die in so zartem Alter dem Schutze der Eltern entzogen, in der rauhen Welt unter oft noch rauheren Menschen das harte Brot verdienen mußten, um im Herbste den Eltern eine Unterstützung bringen zu können.
Das war eine lange Zeit von „Josefi" bis „Martini" und eine strenge Zeit für den Lois und dies mußte er fünf Sommer aushalten bis er in die „Lehre" kam. Aber er blieb bei der Schwabenkost gesund und gewöhnte sich an die Fremde.
Heimweh überkam ihn jedoch einmal, als ihm an einem heißen Sommertag die ganze Herde, 34 an der Zahl, über Feld und Saaten durchging, und der Bauer ihn dafür mit seinem eigenen Geiselstiel tüchtig „verhinterte".
Da war bei dem Lois vom Weiterbleiben keine Rede mehr, und er beschloß zu entfliehen. Und wie er dieses anstellte und ausführte, werden wir bald sehen. —
Nach dem Abendrosenkranz, der immer in der kleinen Kapelle des Weilers gebetet wurde, vertraute er seinen Kameraden sein Vorhaben an und es wurde beschlossen, daß jene bei Dunkelwerden vor seinem Kammerfenster passen sollten, um seine Habseligkeiten in Empfang zu nehmen.
Der Lois ging nach Hause, kramte seine Siebensachen in den Sack, in dem er sie auch mitgebracht hatte und als die verabredete Zeit da war, warf er den Sack den bereits anwesenden Helfershelfern beim Fenster hinab, desgleichen seinen Rock und Hut, um keinen Verdacht zu erregen. Die Kameraden verschwanden mit ihrer Beute zu dem verabredeten Platz. Der Lois wartete noch eine Weile, und als die Magd die Haustüre schloß und sich zur Ruhe begab, da ging er keck hinaus.
Er lief an den bestimmten Ort der Zusammenkunft, nahm sein Eigentum in Empfang, verabschiedete sich von seinen Kameraden, und übernachtete in einem Schweinestalle, der gerade unbewohnt war.
Aber kaum fing der Tag zu grauen an, kroch der Lois aus seiner unwohnlichen Herberge heraus, nahm seinen Reisesack auf den Rücken und zog unverzagt gegen Süden dem väterlichen Hause zu, den Lohn von Josefi bis in den August hinein samt seinem Heimatschein zurücklassend. Auch nicht einen Groschen enthielt die Kasse dieses zehnjährigen Streikers. Aber der Lois war schon damals ein ausgesprochener Optimist, der alles von schönster Seite betrachtete, und so trabte er, mutterseelenallein beim Trillern der Lerche zuversichtlich fürbas.
Freilich sah ihm tagsüber mancher Begegnende verwundert nach, doch das kümmerte den Lois blutwenig, wenn man ihm nur keine Hindernisse bereitete und durch neugierige Fragen sein Verbrechen aufdeckte, zumal noch im Bannkreise jenes Bezirksamtes. Allein niemand frug nach seinem Schmerz und seinem Hunger. — Schon hatte er manches Dorf und manchen Weiler seit Morgengrauen durchwandert, ohne daß er sich getraut hätte, für seinen knurrenden Magen eine Labung zu erbitten. Die Sonne neigte sich schon bedenklich im Westen, als er nach Kieslegg kam. Und hier erwartete unseren kleinen Wanderer das Verhängnis. Wie er so bedächtig über die Schienen der dort die Straße kreuzenden Eisenbahn der Stadt zuschritt, sah er schon von weitem einen leibhaftigen Gendarm stehen. In seinem Schuldbewußtsein nichts anderes denkend, als dieser Passe nur auf ihn, um ihn wieder auf seinen Platz zurückzuführen, versteckte er sich schleunigst hinter einem des Weges fahrenden beladenen Heuwagen, schielte aber immer rechts nach dem Hüter des Gesetzes. Und als dieser mal wo anders hinschaute, huschte der Lois wie der Wind zwischen zwei Häuser hinein in so eine Art Sackgasse.
In seiner Not fiel er mit einem Fuß in eine Lache, ward naß, und ein hoher eiserner Gartenzaun stellte sich seiner Flucht entgegen. Aber in seiner Angst frug der Lois nach keinem Hindernis und keinem Verbot. Er warf sein Bündel über den Zaun und kletterte selbst eilig nach, bevor etwa der Pickelhaubenmann ihn entdeckte.
Leider erhielt seine Hose einen großen Riß von den gefühllosen Eisenspitzen, aber er war drüben und sein vermeintlicher Verfolger konnte ihn nicht mehr sehen. Doch der Fluch der bösen Tat bewahrheitete sich auch hier, denn er war in den Schloßgarten eingedrungen. —
Als der kleine Schlingel bemerkte, daß er nicht in einem gewöhnlichen Garten war, weil alles so künstlich hergerichtet aussah, trachtete er einen Ausgang zu finden.
Aber er hatte nicht Zeit, lange danach zu spähen, denn schon stand ein Mann mit einer grünen Schürze hinter ihm, ihn barsch anfahrend, was er da herinnen zu suchen habe.
Der Lois erzählte ihm wehmütig sein Mißgeschick und besänftigte so den rauhen Mann, dessen Hände schon nach seinen Ohrmuscheln greifen wollten. So geleitete ihn der Gärtner nach dem nördlichen Ausgang, den Weg nach Wolfegg zeigend, den der Lois gehen wollte, ihm drohend, wenn er noch einmal komme, werde er ihn dem Gendarmen übergeben.
Wie froh war der arme Knabe, so leichten Kaufes weggekommen zu sein und schlug den ihm angegebenen Weg nach Westen ein, während seine Reiserichtung nach Süden gelegen wäre. Aber er getraute sich nicht mehr durch die Stadt aus Furcht aufgehalten zu werden. —
Hart an der Straße plätscherte ein Brunnen. Daneben führte ein Steig zu einem Gehöfte, das hoch auf einen Hügel lag der „grüner Berg", wie eine Tafel kündete, benannt wurde; wohl deshalb weil er wie mit einem grünen Tuche glatt überzogen schien. Der Lois konnte nicht mehr weiter, in den Hof hinaufzugehen und um Obdach bitten, hatte er keine Schneid und so lagerte er sich, etwas abseits von der Straße in das Gras.
Hier, allein, überkam ihn so recht das Bewußtsein seiner trostlosen Lage und bitterlich weinend vergrub er sein Angesicht in sein Reisebündel. So lag er ziemlich lange. Die Nacht breitete schon ihre dunklen Fittiche über die blühende Landschaft, als er aus seinem halbwachen, halb träumenden Zustande aufgeschreckt wurde. „Ja Büeble, was machst du denn da, und wo willst den na?"
Der Lois rieb sich die Augen und dann antwortete er auf wiederholtes Fragen, daß er heim wolle. "So! Aber do kahst it bleiba! Kumm nu mit mir da nauf, bei dem Baura kahst übernachta! Es war eine gütige Frau, die ihn so ansprach, aber sie schien nicht zum Hofe zu gehören. Jedoch der Lois vertraute ihr und war froh, eine Fürsprecherin zu haben.
„Bischt müed, Büeble" frug sie, als sie sah, daß ihr Schützling nur mit äußerster Anstrengung den Hügel erklomm. Der Kleine bejahte ihre Frage nur mit Kopfnicken. Er konnte nicht mehr sprechen vor Hunger, Müdigkeit und unterdrücktem Weinen.
Endlich ging die gastliche Pforte auf und die gute Frau tat ein Uebriges, um das Mitleid der Bauersleute zu erwecken. Der Lois hat sie bis heute nicht vergessen. —
Nachdem man ihm seinen Riesenhunger durch mehrere Auflagen gestillt hatte, mußte er erzählen wie es kam, daß er seinem Bauern entlaufen sei. Er berichtete genau alles, und man war ob seiner Spitzfindigkeit nicht wenig verwundert. Aber als sie vernahmen, daß er seit vorigen Abend nichts gegessen habe, begriffen sie auch warum er kaum zu sättigen war. — Das Loch im Magen war verstopft und dem Erzähler wäre es recht gewesen, wenn das in der Hose auch verftopft würde, und als er mit seinem Bericht so weit gekommen, zeigte er das Ergebnis seiner eiligen Flucht über den Eisenzaun, und bat, man möchte es richten, da er sich sonst nicht zu gehen traue, was man ihm auch lachend versprach.
Es wurde ihm auf der Ofenbank ein Lager gerichtet, er bekam eine andere Hose für die Nacht und bald schlief er ein wie ein Murmeltier. In der Frühe mußte man ihn wecken, sonst hätte er bis Mittag fortgeschlafen. Die Frau, die ihn hergebracht, war nicht mehr da. Aber er bekam seine geflickte Hose wieder, nachher ein kräftiges Frühstück und noch eine Jause auf den Weg. Nach vielen Vergelts Gott für die erwiesene Güte stieg er mit froherem Herzen den Hügel hinunter, als er diesen am vorigen Abend erstiegen.
Obwohl seine Gelenke vom langen Marsche des vorigen Tages noch schmerzten, ging es doch langsam weiter nach Wolfegg, das ohne Aufenthalt durchschritten wurde. Dann kamen noch einige Höfe und dann der große Weingartner-Wald.
Alein bei Tag fürchtete sich der Lois nicht, obwohl er viele Räubergeschichten aus eben diesem Walde vom Vater erzählen gehört hatte. Er trachtete trotzdem so schnell wie möglich durchzukommen. Endlich gegen Mittag sah er durch eine Lichtung die ersten Häuser von Weingarten. Glücklich, den großen Wald hinter sich zu haben, setzte er sich auf einen umgehaunen Holzstamm und verzehrte die Jause vom „Grünen Berg". Dann nach kurzer Rast schlenderte er der Stadt zu. Fuhrwerke fuhren ununterbrochen und eine ungezählte Menge Menschen wogten hin und wieder. Der Lois dachte, es sei wieder Markt gewesen. Aber dem war nicht so, und als er weiter in die Stadt gelangte, entdeckte er den Grund dieser ungewöhnlichen Wanderung. —
Auf einem großen Platz, den im Geviert ein mächtiges Gebäude umspannte, einem Kloster ähnlich, das einst als solches gedient haben mußte, wimmelte es von „Rothosen". Es waren die inzwischen angekommenen gefangenen Franzosen. Das war ein „Parlen" und ein Lärm, auf Stiegen, Gängen, im Hofe und unter dem Tor, vor dem die Wache stand.
Es war gerade Menage. Die Meisten löffelten gierig die Suppe aus einer Blechschale und bissen von dem an eine Gabel aufgestecktem Stück Fleisch ab. Andere, die wohl schon fertig waren mit ihrer Mahlzeit, klapperten mit den Löffeln einen Marsch, oder reinigten die Geschirre am großen runden Brunnen. Wieder andere saßen auf den Tischen, Fensterbrüstungen, rauchten Zigaretten, schlenkerten mit den Beinen und sahen sich die Vorübergehenden und die Gaffer an, zu welch letzteren auch der Lois gehörte. Endlich erinnerte er sich seiner eigenen trostlosen Lage wieder. Die der gefangenen Franzosen ihm gegenüber noch beneidenswert; die hatten doch zu essen und wußten, wo sie schlafen konnten. —
So ging er denn weiter, weder Weg noch Steg kennend, aufs Geratewohl die Straße entlang, er glaubte nach Ravensburg zu kommen, von wo aus er mit dem Bauer, dem er entlief, ausgefahren war. Aber er kam geraden Wegs zum Bahnhof in Weingarten. Ein guter Engel führte ihn dahin.
In der Bahnhofhalle angekommen, sah der Lois mit trübseliger Miene dem geschäftigen Treiben zu und mancher Herr streifte mit flüchtigem Blick den kleinen Wanderer, aber kümmerte sich nicht weiter um ihn. Endlich wurde der Portier, wie der Lois richtig annahm — weil er verschiedenen Personen Auskünfte erteilte, was er schon in seiner Heimat gesehen — auf ihn aufmerksam. Er frug ihn, was er denn da wolle und auf wen er warte. Der Lois wußte nicht zu antworten. — „Jo, wo kummst denn her?", fragte der Mann wieder.
„Von der Wengenreuthe", brachte der kleine Sünder heraus, „i möcht itz z'Haus!" — „Bist g'wiß dem Bauer durch, ha!" inspizierte der Gestrenge. Jetzt kamen noch mehr Herren. Der Lois fürchtete, man möchte ihn der Polizei überliefern und die hellen Tränen kugelten ihm über die Wangen. „Der Bauer hot mi g'haut!" brachte er heraus. „Ah so! Nochar bist ihm durch! Wie lang warst denn scho dabei?"
„Seit Jofefi" antwortete der Deliquent! „Seit Josefi und jetzt hab'n mir Anfang August! — Des host itz dem Bauer all's g'schenkt!"
Der Kleine nickte. „Do wirds aber mit dem Fahrgeld übel ausschaun und umsonst ka ma di it mitnehma!“ Endlich ließ sich einer von den umstehenden Herren herbei, zu fragen, wohin er fahren möchte. Der Lois sagte, daß er nach Vorarlberg möchte und nach Friedrichshafen fahren wolle. „So, so!" entgegnete der Herr, „weil i grad nach Friedrichhafa fahr, kannst mit! Komm nu Büeble mit mir! S ist eh Zeit! Von dort kannst dann mit dem Dampfschiff weiterfahra!" Wie sich der Lois freute. Er vergaß den Hunger, weil er fahren durfte und so schnell der Heimat näher kam. Mit seinem Bündel stieg er hinter dem Herrn ein und erzählte ihm während der Fahrt sein ganzes Erlebnis. —
In Friedrichshafen angekommen, bedeutete der Herr dem Lois, daß er Geschäfte habe, er soll sich derweil wo aufhalten, das Schiff gehe erst gegen Abend ab nach Lindau; dann komme er wieder. In der Nähe des Hafens war ein Wirtshaus mit Kegelbahn, und dahin ging er zuschauen. - Lustige Gesellen waren da und es dauerte nicht lange, wurde der müßige Gaffer angestellt zum Kegellaufsetzen, wozu er sich gern verwandte. Dies dauerte beinahe zwei Stunden und er verdiente fünfzehn Kreuzer. Um einen Groschen kaufte er sich Brot und zwölf Kreuzer steckte er in die Tasche und begab sich zum Ankerplatze der Dampfschiffe.
Er suchte nach dem Herrn, entdeckte ihn aber nirgends. Durch Fragen erfuhr er, daß bald ein Schiff nach Lindau fahre und er begab sich unbekümmert auf den Dampfer. Der Herr kam halt nicht, so sehr ihn der Lois herbeisehnte, und die Schiffsmannschaft zog schon den Verbindungssteg ein und bald bewegte sich das Schiff. Jetzt überkam den kleinen Schlingel doch ein heimliches Bangen, zumal einer kam, die Billete zu revidieren. -
„Nu Klaner! wo host denn dei Billet?" Dem Lois wurde schwül: „A Herr hot g'sagt, der mit mir vo Weingarte herg'fahra ist, i soll nu auf's Schiff gehen, er kumm scho, der hot die Billete bei sich!" — der kleine Sünder mit dieser Notlüge nahm an, die Fahrkarten der Bahn, die der Herr gelöst, würden auch hier ihre Giltigkeit haben. „Was geht mi der Herr an, wenn du ka Geld hast, wirst halt in See g'schmiß'n!"
Auf das hin zog der Lois die zwölf Kreuzer, die er mit Kegelaufsetzen verdient, aus der Tasche und streckte sie dem harten Mann entgegen. „Ist das alles", frug der wiederum, „bis Lindau kostets achtzehn Kreuzer, ist no um an Sechser z'weng! Host nix mehr?" Der Lois winkte stillschweigend und mit ängstlicher Miene nein.
Die Leute standen ringsum. „Jo, nocher bleibt halt nix übrig, als die ins Wasser z'werf'n!" sagte der Revisor und tat so, als ob er seine Drohung zur Wirklichkeit machen wollte . Aber das schreckliche Geschrei des kleinen Passagiers mochte ihn wieder eines anderen belehrt haben, denn er sagte: „Nu, für desmal will i di no geh' lo, do host no eppes, kascht dir in Lindau a Brod kaufa!" Und er gab ihm noch einen Groschen dazu. Die Todesangst war vorüber und der Lois konnte wieder eine große Strecke fahren. Als das Schiff ankam, war es schon ziemlich dunkel.
Vor dem Aussteigen dankte er noch dem Mann und ging an Land. Immer nach dem Weg nach Bregenz fragend, kam er glücklich aus der Stadt auf die Landstraße, wo er nicht mehr fehl gehen konnte; und jetzt endlich kaufte er in einem Laden Brot und trank am Brunnen Wasser dazu. Noch waren es fünf Stunden bis zum Elternhause. Und der Lois trabte gestärkt am Rangierbahnhofe vorbei, der Grenze zu. Dort mußte er sich, weil er bei der Nacht mit seinem Bündel den Finanzern verdächtig erschien, einer gründlichen Visitation Und Examination unterziehen lassen.
Das Späherauge der Finanz erkannte bald die Harmlosigkeit des nächtlichen Wanderers, und sah in ihm nur noch ein armes, dem rauhen Schicksal überantwortetes Kind, welches die Eltern viel zu früh von sich gelassen hatten, um unter fremden Leuten sein hartes Brot zu verdienen. —
Man ließ ihn nächtlicher Weile passieren, und sprach ihm noch Mut zu, er soll sich nicht fürchten, bald werde er daheim sein.
Das arme Büblein ging allein im Dunkel der Nacht, dem entfernten Vaterhause zu; von Hunger und Müdigkeit gequält. Aber noch mehr quälte ihn die Besorgnis, wie man ihn etwa zu Hause aufnehmen werde, weil er dem Bauern davongelaufen und für fünf Monate gar keinen Lohn heimbrachte. Und je näher er dem Elternhause kam, desto ängstlicher klopfte sein kleines Herz. —
Endlich gegen Morgen, es fing schon an zu grauen, langte er dort ganz ermattet an. Noch schlief alles. Der Lois ging vor das Haus horchen. Alles still. Zu wecken traute er sich nicht. Da ging er hinter das Haus und legte sich in das Gras, sein Bündel als Polster benützend, um so den Tag zu erwarten. Aber der kleine Heimkehrer lag bald im tiefsten Schlaf und die Sonne stand hoch am Himmel, als er erwachte. In dem hohen Grase hatte ihn bis jetzt niemand bemerkt. Doch konnte er seine Anwesenheit nicht mehr länger verheimlichen, und er schlich sich vor um Ausschau zu halten. Zum Glück entdeckte er eine alte Nachbarin, welcher er winkte zu ihm zu kommen.
Dieser offenbarte er zuerst sein Vergehen und bat sie, hinein zu gehen und für ihn Fürbitte einzulegen, was sie auch tat. Der Lois sah nun mit Bangen dem nächsten Augenblicke entgegen. —
Jetzt kamen sie. Zuerst die Mutter, die bei seinem Anblick die Hände zusammenschlug. Hinter ihr der Vater, dessen finsteres Gesicht nichts Gutes verhieß. —
Als er aber in das jammervolle Gesicht des unvermuteten Ankömmlings blickte, fühlte er doch ein menschliches Rühren und führte ihn in die Stube. Die Mutter mochte ihm wohl seinen Hunger ansehen, denn sie brachte bald etwas zu essen, und dann mußte er den Vorgang erzählen, was der Lois nur weinend tun konnte. Und als sie hörten, welchen Weg er machen mußte, und was er ausgehalten, verwunderten sie sich nicht wenig, und waren noch froh, daß ihr Sohn noch wohlbehalten durchkam. Der Vater schrieb gleich dem Bauern, um Vergütung der vom Buben geleisteten Arbeit und dem Schultheiß um den Heimatschein.
Vom Ersteren kam nichts, weil der Bub heimlicherweise davongelaufen sei und der Schultheiß schickte den Heimatschein gleich an die Gemeinde. Der Vater wetterte wohl noch hie und da über die verlorene Zeit, aber Schläge bekam der Lois keine. Aber als der Heimatschein eingelangt war, mußte der kleine Weißkopf noch einmal in's Schwabenland in ein Dorf, das er auf seiner Flucht auch berührt hatte; dort blieb er wohl bis „Martini", weil er recht gutmütige brave Leute hatte, alles eigene und keinen fremden Knecht. Von da an hielt der Lois wacker aus, wenn er auch manches Unliebsame erfahren mußte. Aber seine erste Verdingung hat er nie vergessen. Und als er fünf Sommer als „Hütbube" zugebracht hatte, und aus der Schule kam, tat man ihn in die Lehre, die für den Lois auch kein Himmelreich war.
Er war schon in den ersten Schuljahren ein aufgeweckter Knirps der Lois, mit einem ganz weißen Schopf, der das „Einmaleins" und das „Abc" bald los hatte. Und als die „Bibel" nur an solche verteilt wurde, die gut lesen konnten, da war der Lois einer der Ersten, der eine erhielt. Und wie ein Heißhungriger über ein schmackhaftes Essen, machte er sich darüberher.
Alles interessierte ihn, und nicht gar lange dauerte es, so konnte er das ganze Buch, von der „Erschaffung der Welt" bis zur „Aussendung der Apostel" so geläufig erzählen, wie die Räubergeschichten, die er an Winterabenden, die Füße auf die Ofenbank gezogen, von seinem Vater gehört. Schon damals war ihm die Geschichte seine Lieblingslektüre. Deshalb ging es auch im Katechismus nicht so glänzend, aber der Lois hatte ein gutes Gedächtnis und dies half ihm in der Religionsstunde über das „Steckenbleiben" hinweg.
Dafür erhielt er bei der Prüfung am Frühjahr ein schönes Gebetbüchlein, das so gut gebunden war, daß er es kaum öffnen konnte und so gut roch und ein paar nagelneue „Holzknospen" und Wollstrümpfe als Preis. Da war der Lois nicht wenig stolz, als er mit geschulterten Holzknospen die Strümpfe und das Gebetbüchlein in der Hand, zu Hause das Stübchen betrat. — Man verwunderte sich nicht ob seinen Anerkennungs-Diplomen, denn sie wußten ja, wie „gescheit" ihr Bub war, der so schön an Abenden beim „Sticken" aus der Legende vorlas und die schönsten Gedichte auswendig wußte. Aber sie freuten sich doch und meinten: „Für ihn wäre 'studieren' am besten, und: „der würde einen rechten Pfarrer abgeben."
Aber bei dem blieb es auch, nämlich bei der Meinung. Leider! Der Lois grämt sich noch jetzt ob seines verfehlten Berufes.
Dafür mußte er im Sommer bei irgend einem Bauern im Dorfe das Vieh hüten und später, als er zehn Jahre zählte, tat man ihn gar in das „Schwabeland" verdingen. Seine Mutter selbst brachte ihn bis nach Ravensburg auf den Markt. Sie mußte auch gar nicht lange warten, war ein Bauer zur Stelle und fragte sie, ob der Bub noch „frei" sei, und als die Mutter bejahte, schloß man den „Kauf". Er sollte zehn Gulden und das doppelte „G'wand" sowie zwei paar Stiefel erhalten, auch einen Gulden „Hafting" und einen Gulden „Schnitthahnen". Dem Bauer schien es nicht zuviel zu sein, der Lois schien ihm zu gefallen, denn er schloß gleich den „Handel" und übergab der Mutter den Gulden „Hafting".
Man ging dann noch in ein Wirtshaus, um bei Bier und Bratwurst den Abschiedsschmerz zu mildern und am Spätnachmittage nahm die Mutter „Pfiet Got", um wieder heimwärts zu wandern, oder ein anderes ihrer vielen Kinder im „Schwabenland" zu besuchen und der Lois fuhr mit dem Bauer in einer Kalesche auf seine Besitzung, die weit von Ravensburg entfernt war, denn sie fuhren bei Mitternacht in verschiedenen Krümmungen durch Wald und Flur. Dieses traurige Los teilten aber mit dem Lois noch viele, die in so zartem Alter dem Schutze der Eltern entzogen, in der rauhen Welt unter oft noch rauheren Menschen das harte Brot verdienen mußten, um im Herbste den Eltern eine Unterstützung bringen zu können.
Das war eine lange Zeit von „Josefi" bis „Martini" und eine strenge Zeit für den Lois und dies mußte er fünf Sommer aushalten bis er in die „Lehre" kam. Aber er blieb bei der Schwabenkost gesund und gewöhnte sich an die Fremde.
Heimweh überkam ihn jedoch einmal, als ihm an einem heißen Sommertag die ganze Herde, 34 an der Zahl, über Feld und Saaten durchging, und der Bauer ihn dafür mit seinem eigenen Geiselstiel tüchtig „verhinterte".
Da war bei dem Lois vom Weiterbleiben keine Rede mehr, und er beschloß zu entfliehen. Und wie er dieses anstellte und ausführte, werden wir bald sehen. —
Nach dem Abendrosenkranz, der immer in der kleinen Kapelle des Weilers gebetet wurde, vertraute er seinen Kameraden sein Vorhaben an und es wurde beschlossen, daß jene bei Dunkelwerden vor seinem Kammerfenster passen sollten, um seine Habseligkeiten in Empfang zu nehmen.
Der Lois ging nach Hause, kramte seine Siebensachen in den Sack, in dem er sie auch mitgebracht hatte und als die verabredete Zeit da war, warf er den Sack den bereits anwesenden Helfershelfern beim Fenster hinab, desgleichen seinen Rock und Hut, um keinen Verdacht zu erregen. Die Kameraden verschwanden mit ihrer Beute zu dem verabredeten Platz. Der Lois wartete noch eine Weile, und als die Magd die Haustüre schloß und sich zur Ruhe begab, da ging er keck hinaus.
Er lief an den bestimmten Ort der Zusammenkunft, nahm sein Eigentum in Empfang, verabschiedete sich von seinen Kameraden, und übernachtete in einem Schweinestalle, der gerade unbewohnt war.
Aber kaum fing der Tag zu grauen an, kroch der Lois aus seiner unwohnlichen Herberge heraus, nahm seinen Reisesack auf den Rücken und zog unverzagt gegen Süden dem väterlichen Hause zu, den Lohn von Josefi bis in den August hinein samt seinem Heimatschein zurücklassend. Auch nicht einen Groschen enthielt die Kasse dieses zehnjährigen Streikers. Aber der Lois war schon damals ein ausgesprochener Optimist, der alles von schönster Seite betrachtete, und so trabte er, mutterseelenallein beim Trillern der Lerche zuversichtlich fürbas.
Freilich sah ihm tagsüber mancher Begegnende verwundert nach, doch das kümmerte den Lois blutwenig, wenn man ihm nur keine Hindernisse bereitete und durch neugierige Fragen sein Verbrechen aufdeckte, zumal noch im Bannkreise jenes Bezirksamtes. Allein niemand frug nach seinem Schmerz und seinem Hunger. — Schon hatte er manches Dorf und manchen Weiler seit Morgengrauen durchwandert, ohne daß er sich getraut hätte, für seinen knurrenden Magen eine Labung zu erbitten. Die Sonne neigte sich schon bedenklich im Westen, als er nach Kieslegg kam. Und hier erwartete unseren kleinen Wanderer das Verhängnis. Wie er so bedächtig über die Schienen der dort die Straße kreuzenden Eisenbahn der Stadt zuschritt, sah er schon von weitem einen leibhaftigen Gendarm stehen. In seinem Schuldbewußtsein nichts anderes denkend, als dieser Passe nur auf ihn, um ihn wieder auf seinen Platz zurückzuführen, versteckte er sich schleunigst hinter einem des Weges fahrenden beladenen Heuwagen, schielte aber immer rechts nach dem Hüter des Gesetzes. Und als dieser mal wo anders hinschaute, huschte der Lois wie der Wind zwischen zwei Häuser hinein in so eine Art Sackgasse.
In seiner Not fiel er mit einem Fuß in eine Lache, ward naß, und ein hoher eiserner Gartenzaun stellte sich seiner Flucht entgegen. Aber in seiner Angst frug der Lois nach keinem Hindernis und keinem Verbot. Er warf sein Bündel über den Zaun und kletterte selbst eilig nach, bevor etwa der Pickelhaubenmann ihn entdeckte.
Leider erhielt seine Hose einen großen Riß von den gefühllosen Eisenspitzen, aber er war drüben und sein vermeintlicher Verfolger konnte ihn nicht mehr sehen. Doch der Fluch der bösen Tat bewahrheitete sich auch hier, denn er war in den Schloßgarten eingedrungen. —
Als der kleine Schlingel bemerkte, daß er nicht in einem gewöhnlichen Garten war, weil alles so künstlich hergerichtet aussah, trachtete er einen Ausgang zu finden.
Aber er hatte nicht Zeit, lange danach zu spähen, denn schon stand ein Mann mit einer grünen Schürze hinter ihm, ihn barsch anfahrend, was er da herinnen zu suchen habe.
Der Lois erzählte ihm wehmütig sein Mißgeschick und besänftigte so den rauhen Mann, dessen Hände schon nach seinen Ohrmuscheln greifen wollten. So geleitete ihn der Gärtner nach dem nördlichen Ausgang, den Weg nach Wolfegg zeigend, den der Lois gehen wollte, ihm drohend, wenn er noch einmal komme, werde er ihn dem Gendarmen übergeben.
Wie froh war der arme Knabe, so leichten Kaufes weggekommen zu sein und schlug den ihm angegebenen Weg nach Westen ein, während seine Reiserichtung nach Süden gelegen wäre. Aber er getraute sich nicht mehr durch die Stadt aus Furcht aufgehalten zu werden. —
Hart an der Straße plätscherte ein Brunnen. Daneben führte ein Steig zu einem Gehöfte, das hoch auf einen Hügel lag der „grüner Berg", wie eine Tafel kündete, benannt wurde; wohl deshalb weil er wie mit einem grünen Tuche glatt überzogen schien. Der Lois konnte nicht mehr weiter, in den Hof hinaufzugehen und um Obdach bitten, hatte er keine Schneid und so lagerte er sich, etwas abseits von der Straße in das Gras.
Hier, allein, überkam ihn so recht das Bewußtsein seiner trostlosen Lage und bitterlich weinend vergrub er sein Angesicht in sein Reisebündel. So lag er ziemlich lange. Die Nacht breitete schon ihre dunklen Fittiche über die blühende Landschaft, als er aus seinem halbwachen, halb träumenden Zustande aufgeschreckt wurde. „Ja Büeble, was machst du denn da, und wo willst den na?"
Der Lois rieb sich die Augen und dann antwortete er auf wiederholtes Fragen, daß er heim wolle. "So! Aber do kahst it bleiba! Kumm nu mit mir da nauf, bei dem Baura kahst übernachta! Es war eine gütige Frau, die ihn so ansprach, aber sie schien nicht zum Hofe zu gehören. Jedoch der Lois vertraute ihr und war froh, eine Fürsprecherin zu haben.
„Bischt müed, Büeble" frug sie, als sie sah, daß ihr Schützling nur mit äußerster Anstrengung den Hügel erklomm. Der Kleine bejahte ihre Frage nur mit Kopfnicken. Er konnte nicht mehr sprechen vor Hunger, Müdigkeit und unterdrücktem Weinen.
Endlich ging die gastliche Pforte auf und die gute Frau tat ein Uebriges, um das Mitleid der Bauersleute zu erwecken. Der Lois hat sie bis heute nicht vergessen. —
Nachdem man ihm seinen Riesenhunger durch mehrere Auflagen gestillt hatte, mußte er erzählen wie es kam, daß er seinem Bauern entlaufen sei. Er berichtete genau alles, und man war ob seiner Spitzfindigkeit nicht wenig verwundert. Aber als sie vernahmen, daß er seit vorigen Abend nichts gegessen habe, begriffen sie auch warum er kaum zu sättigen war. — Das Loch im Magen war verstopft und dem Erzähler wäre es recht gewesen, wenn das in der Hose auch verftopft würde, und als er mit seinem Bericht so weit gekommen, zeigte er das Ergebnis seiner eiligen Flucht über den Eisenzaun, und bat, man möchte es richten, da er sich sonst nicht zu gehen traue, was man ihm auch lachend versprach.
Es wurde ihm auf der Ofenbank ein Lager gerichtet, er bekam eine andere Hose für die Nacht und bald schlief er ein wie ein Murmeltier. In der Frühe mußte man ihn wecken, sonst hätte er bis Mittag fortgeschlafen. Die Frau, die ihn hergebracht, war nicht mehr da. Aber er bekam seine geflickte Hose wieder, nachher ein kräftiges Frühstück und noch eine Jause auf den Weg. Nach vielen Vergelts Gott für die erwiesene Güte stieg er mit froherem Herzen den Hügel hinunter, als er diesen am vorigen Abend erstiegen.
Obwohl seine Gelenke vom langen Marsche des vorigen Tages noch schmerzten, ging es doch langsam weiter nach Wolfegg, das ohne Aufenthalt durchschritten wurde. Dann kamen noch einige Höfe und dann der große Weingartner-Wald.
Alein bei Tag fürchtete sich der Lois nicht, obwohl er viele Räubergeschichten aus eben diesem Walde vom Vater erzählen gehört hatte. Er trachtete trotzdem so schnell wie möglich durchzukommen. Endlich gegen Mittag sah er durch eine Lichtung die ersten Häuser von Weingarten. Glücklich, den großen Wald hinter sich zu haben, setzte er sich auf einen umgehaunen Holzstamm und verzehrte die Jause vom „Grünen Berg". Dann nach kurzer Rast schlenderte er der Stadt zu. Fuhrwerke fuhren ununterbrochen und eine ungezählte Menge Menschen wogten hin und wieder. Der Lois dachte, es sei wieder Markt gewesen. Aber dem war nicht so, und als er weiter in die Stadt gelangte, entdeckte er den Grund dieser ungewöhnlichen Wanderung. —
Auf einem großen Platz, den im Geviert ein mächtiges Gebäude umspannte, einem Kloster ähnlich, das einst als solches gedient haben mußte, wimmelte es von „Rothosen". Es waren die inzwischen angekommenen gefangenen Franzosen. Das war ein „Parlen" und ein Lärm, auf Stiegen, Gängen, im Hofe und unter dem Tor, vor dem die Wache stand.
Es war gerade Menage. Die Meisten löffelten gierig die Suppe aus einer Blechschale und bissen von dem an eine Gabel aufgestecktem Stück Fleisch ab. Andere, die wohl schon fertig waren mit ihrer Mahlzeit, klapperten mit den Löffeln einen Marsch, oder reinigten die Geschirre am großen runden Brunnen. Wieder andere saßen auf den Tischen, Fensterbrüstungen, rauchten Zigaretten, schlenkerten mit den Beinen und sahen sich die Vorübergehenden und die Gaffer an, zu welch letzteren auch der Lois gehörte. Endlich erinnerte er sich seiner eigenen trostlosen Lage wieder. Die der gefangenen Franzosen ihm gegenüber noch beneidenswert; die hatten doch zu essen und wußten, wo sie schlafen konnten. —
So ging er denn weiter, weder Weg noch Steg kennend, aufs Geratewohl die Straße entlang, er glaubte nach Ravensburg zu kommen, von wo aus er mit dem Bauer, dem er entlief, ausgefahren war. Aber er kam geraden Wegs zum Bahnhof in Weingarten. Ein guter Engel führte ihn dahin.
In der Bahnhofhalle angekommen, sah der Lois mit trübseliger Miene dem geschäftigen Treiben zu und mancher Herr streifte mit flüchtigem Blick den kleinen Wanderer, aber kümmerte sich nicht weiter um ihn. Endlich wurde der Portier, wie der Lois richtig annahm — weil er verschiedenen Personen Auskünfte erteilte, was er schon in seiner Heimat gesehen — auf ihn aufmerksam. Er frug ihn, was er denn da wolle und auf wen er warte. Der Lois wußte nicht zu antworten. — „Jo, wo kummst denn her?", fragte der Mann wieder.
„Von der Wengenreuthe", brachte der kleine Sünder heraus, „i möcht itz z'Haus!" — „Bist g'wiß dem Bauer durch, ha!" inspizierte der Gestrenge. Jetzt kamen noch mehr Herren. Der Lois fürchtete, man möchte ihn der Polizei überliefern und die hellen Tränen kugelten ihm über die Wangen. „Der Bauer hot mi g'haut!" brachte er heraus. „Ah so! Nochar bist ihm durch! Wie lang warst denn scho dabei?"
„Seit Jofefi" antwortete der Deliquent! „Seit Josefi und jetzt hab'n mir Anfang August! — Des host itz dem Bauer all's g'schenkt!"
Der Kleine nickte. „Do wirds aber mit dem Fahrgeld übel ausschaun und umsonst ka ma di it mitnehma!“ Endlich ließ sich einer von den umstehenden Herren herbei, zu fragen, wohin er fahren möchte. Der Lois sagte, daß er nach Vorarlberg möchte und nach Friedrichshafen fahren wolle. „So, so!" entgegnete der Herr, „weil i grad nach Friedrichhafa fahr, kannst mit! Komm nu Büeble mit mir! S ist eh Zeit! Von dort kannst dann mit dem Dampfschiff weiterfahra!" Wie sich der Lois freute. Er vergaß den Hunger, weil er fahren durfte und so schnell der Heimat näher kam. Mit seinem Bündel stieg er hinter dem Herrn ein und erzählte ihm während der Fahrt sein ganzes Erlebnis. —
In Friedrichshafen angekommen, bedeutete der Herr dem Lois, daß er Geschäfte habe, er soll sich derweil wo aufhalten, das Schiff gehe erst gegen Abend ab nach Lindau; dann komme er wieder. In der Nähe des Hafens war ein Wirtshaus mit Kegelbahn, und dahin ging er zuschauen. - Lustige Gesellen waren da und es dauerte nicht lange, wurde der müßige Gaffer angestellt zum Kegellaufsetzen, wozu er sich gern verwandte. Dies dauerte beinahe zwei Stunden und er verdiente fünfzehn Kreuzer. Um einen Groschen kaufte er sich Brot und zwölf Kreuzer steckte er in die Tasche und begab sich zum Ankerplatze der Dampfschiffe.
Er suchte nach dem Herrn, entdeckte ihn aber nirgends. Durch Fragen erfuhr er, daß bald ein Schiff nach Lindau fahre und er begab sich unbekümmert auf den Dampfer. Der Herr kam halt nicht, so sehr ihn der Lois herbeisehnte, und die Schiffsmannschaft zog schon den Verbindungssteg ein und bald bewegte sich das Schiff. Jetzt überkam den kleinen Schlingel doch ein heimliches Bangen, zumal einer kam, die Billete zu revidieren. -
„Nu Klaner! wo host denn dei Billet?" Dem Lois wurde schwül: „A Herr hot g'sagt, der mit mir vo Weingarte herg'fahra ist, i soll nu auf's Schiff gehen, er kumm scho, der hot die Billete bei sich!" — der kleine Sünder mit dieser Notlüge nahm an, die Fahrkarten der Bahn, die der Herr gelöst, würden auch hier ihre Giltigkeit haben. „Was geht mi der Herr an, wenn du ka Geld hast, wirst halt in See g'schmiß'n!"
Auf das hin zog der Lois die zwölf Kreuzer, die er mit Kegelaufsetzen verdient, aus der Tasche und streckte sie dem harten Mann entgegen. „Ist das alles", frug der wiederum, „bis Lindau kostets achtzehn Kreuzer, ist no um an Sechser z'weng! Host nix mehr?" Der Lois winkte stillschweigend und mit ängstlicher Miene nein.
Die Leute standen ringsum. „Jo, nocher bleibt halt nix übrig, als die ins Wasser z'werf'n!" sagte der Revisor und tat so, als ob er seine Drohung zur Wirklichkeit machen wollte . Aber das schreckliche Geschrei des kleinen Passagiers mochte ihn wieder eines anderen belehrt haben, denn er sagte: „Nu, für desmal will i di no geh' lo, do host no eppes, kascht dir in Lindau a Brod kaufa!" Und er gab ihm noch einen Groschen dazu. Die Todesangst war vorüber und der Lois konnte wieder eine große Strecke fahren. Als das Schiff ankam, war es schon ziemlich dunkel.
Vor dem Aussteigen dankte er noch dem Mann und ging an Land. Immer nach dem Weg nach Bregenz fragend, kam er glücklich aus der Stadt auf die Landstraße, wo er nicht mehr fehl gehen konnte; und jetzt endlich kaufte er in einem Laden Brot und trank am Brunnen Wasser dazu. Noch waren es fünf Stunden bis zum Elternhause. Und der Lois trabte gestärkt am Rangierbahnhofe vorbei, der Grenze zu. Dort mußte er sich, weil er bei der Nacht mit seinem Bündel den Finanzern verdächtig erschien, einer gründlichen Visitation Und Examination unterziehen lassen.
Das Späherauge der Finanz erkannte bald die Harmlosigkeit des nächtlichen Wanderers, und sah in ihm nur noch ein armes, dem rauhen Schicksal überantwortetes Kind, welches die Eltern viel zu früh von sich gelassen hatten, um unter fremden Leuten sein hartes Brot zu verdienen. —
Man ließ ihn nächtlicher Weile passieren, und sprach ihm noch Mut zu, er soll sich nicht fürchten, bald werde er daheim sein.
Das arme Büblein ging allein im Dunkel der Nacht, dem entfernten Vaterhause zu; von Hunger und Müdigkeit gequält. Aber noch mehr quälte ihn die Besorgnis, wie man ihn etwa zu Hause aufnehmen werde, weil er dem Bauern davongelaufen und für fünf Monate gar keinen Lohn heimbrachte. Und je näher er dem Elternhause kam, desto ängstlicher klopfte sein kleines Herz. —
Endlich gegen Morgen, es fing schon an zu grauen, langte er dort ganz ermattet an. Noch schlief alles. Der Lois ging vor das Haus horchen. Alles still. Zu wecken traute er sich nicht. Da ging er hinter das Haus und legte sich in das Gras, sein Bündel als Polster benützend, um so den Tag zu erwarten. Aber der kleine Heimkehrer lag bald im tiefsten Schlaf und die Sonne stand hoch am Himmel, als er erwachte. In dem hohen Grase hatte ihn bis jetzt niemand bemerkt. Doch konnte er seine Anwesenheit nicht mehr länger verheimlichen, und er schlich sich vor um Ausschau zu halten. Zum Glück entdeckte er eine alte Nachbarin, welcher er winkte zu ihm zu kommen.
Dieser offenbarte er zuerst sein Vergehen und bat sie, hinein zu gehen und für ihn Fürbitte einzulegen, was sie auch tat. Der Lois sah nun mit Bangen dem nächsten Augenblicke entgegen. —
Jetzt kamen sie. Zuerst die Mutter, die bei seinem Anblick die Hände zusammenschlug. Hinter ihr der Vater, dessen finsteres Gesicht nichts Gutes verhieß. —
Als er aber in das jammervolle Gesicht des unvermuteten Ankömmlings blickte, fühlte er doch ein menschliches Rühren und führte ihn in die Stube. Die Mutter mochte ihm wohl seinen Hunger ansehen, denn sie brachte bald etwas zu essen, und dann mußte er den Vorgang erzählen, was der Lois nur weinend tun konnte. Und als sie hörten, welchen Weg er machen mußte, und was er ausgehalten, verwunderten sie sich nicht wenig, und waren noch froh, daß ihr Sohn noch wohlbehalten durchkam. Der Vater schrieb gleich dem Bauern, um Vergütung der vom Buben geleisteten Arbeit und dem Schultheiß um den Heimatschein.
Vom Ersteren kam nichts, weil der Bub heimlicherweise davongelaufen sei und der Schultheiß schickte den Heimatschein gleich an die Gemeinde. Der Vater wetterte wohl noch hie und da über die verlorene Zeit, aber Schläge bekam der Lois keine. Aber als der Heimatschein eingelangt war, mußte der kleine Weißkopf noch einmal in's Schwabenland in ein Dorf, das er auf seiner Flucht auch berührt hatte; dort blieb er wohl bis „Martini", weil er recht gutmütige brave Leute hatte, alles eigene und keinen fremden Knecht. Von da an hielt der Lois wacker aus, wenn er auch manches Unliebsame erfahren mußte. Aber seine erste Verdingung hat er nie vergessen. Und als er fünf Sommer als „Hütbube" zugebracht hatte, und aus der Schule kam, tat man ihn in die Lehre, die für den Lois auch kein Himmelreich war.
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