
Steinkreuz bei Hindelang aus dem Jahr 1555 (L. Walther; 1895 - Allgäuer Geschichtsfreund)
Blut, Stein und Reue: Die Sühnekreuze im Allgäu und im Außerfern
Wenn Steine von Schuld erzählen
Wer im Allgäu abseits der großen Hauptstraßen wandert, stößt gelegentlich auf sie: bemooste, oft schiefe und grob behauene Kreuze aus Stein. Sie wirken wie vergessene Grabsteine, doch ihr Zweck war ein anderer. In einer Zeit, in der das staatliche Gewaltmonopol noch schwach ausgeprägt war und die Justiz oft eine Sache zwischen Familiengruppen war, stellten diese Kreuze das Ende einer blutigen Spirale dar. Sie sind die steinernen Überreste des mittelalterlichen Sühnewesens – Symbole für einen aufwändig ausgehandelten Frieden nach einer Gewalttat.
Das Recht der „Sühne“ und seine Zeugen
Der Sühnevertrag: Frieden statt Blutrache
Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert galt im Heiligen Römischen Reich ein Rechtsprinzip, das uns heute fremd erscheint: Der Sühnevertrag. Wenn ein Mensch im Zorn oder Streit erschlagen wurde, drohte die Blutrache – eine manchmal endlose Reihe von Vergeltungsschlägen zwischen den betroffenen Familien.
Um dies zu verhindern, trafen sich Täter- und Opferseite vor einem Schiedsgericht. Das Ergebnis war ein Vertrag, der dem Täter teils harte Bedingungen auferlegte:
Werkgeld: Eine hohe Entschädigungssumme an die Hinterbliebenen.
Seelenmessen: Die Finanzierung von Gebeten für das Seelenheil des Opfers.
Das Sühnekreuz: Die Verpflichtung, am Tatort ein steinernes Kreuz zu errichten.
Pilgerfahrten: Gelöbnis zur Pilgerfahrt zu oft weit entfernten Wallfahrtsstätten.
Das Kreuz diente nicht nur dem Gedenken, sondern war auch eine öffentliche Stigmatisierung für den Täter und ein Mahnmal für die Gemeinschaft, das zur Fürbitte für den Verstorbenen aufrief.
Manchmal finden sich auf den Querbalken eingeritzte Symbole, die uns heute noch Schauer über den Rücken jagen. In Kardorf bei Memmingen etwa erinnert eine Inschrift direkt an die Grausamkeit der Tat von 1556. In Unterthingau steht das Kreuz heute geschützt an der Friedhofsmauer, nachdem es Jahrhunderte lang die Reisenden an das Schicksal eines erstochenen Schmieds erinnerte.
Das Ende einer Ära
Mit der Einführung der Constitutio Criminalis Carolina durch Kaiser Karl V. im Jahr 1532 änderte sich das Rechtswesen grundlegend. Mord wurde nun als Verbrechen gegen den Staat gewertet, das mit dem Tode bestraft wurde. Die privaten Sühneverträge und damit die Aufstellung der Kreuze verloren ihre Bedeutung.
Heute sind die verbliebenen Sühnekreuze im Allgäu und dem Außerfern mehr als nur Relikte. Sie sind Denkmäler einer Übergangszeit zwischen archaischer Rache und geordneter Rechtsprechung. Wer vor einem dieser Kreuze in der Landschaft steht, blickt direkt in die Abgründe und Hoffnungen des mittelalterlichen Menschen.
Die Sühnekreuze sind stumme Mahner gegen die Gewalt. Sie sind ein Lehrstück, dass der Weg zum Frieden oft über harte Verhandlungen und bleibende Zeichen der Reue führt – eingemeißelt in den harten Stein der Heimat.
Auswahl an Steinkreuzen in der Umgebung
aus: Deutsche Gaue; Christian Frank (1902) S. 130
* Benken (Weißensee, Füssen) - 100 Schritte östlich von Benken, nördl. am Wege nach Roßmoos
* Dietmannsried - an der Straße nach Kempten, 20 Minuten vom Orte
* Frankenhofen an der Wertach - am Wege nach Stockheim
* Füssen - an der Straße zur Ölmühle; in der Nähe soll ein altes, mit Blech beschlagenes Kreuz gestanden sein zum Andenken an dort begrabene österreichische Soldaten a. d. J. 1809
* Geislatsried - wo der Weg nach Ob abzweigt
* Nesselwang - an der alten Straße nach Wertach
* Reutte - eines am Weg von der Mühle zur Papiermühle, ein weiteres in der Nähe des Pestfriedhofes rechts am Weidach
* Wildsteig - unweit des Weges zur Wallfahrtskirche Wies, in einer Viehweide, hier sollen zwei Hirtenknaben um ein Messer gerauft haben, wobei einer getötet wurde


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