Persönlichkeiten

Scheidle Apollon

Aus: Außferner Bote vom 8. Nov. 1933

Der Erfinder Apollon Scheidle
mit freundlicher Genehmigung Anita Walch-Lang
Apollon Scheidle erblickte am 11. November 1853 in der Mühle in Luxnach, einem Weiler der Gemeinde Häselgehr, das Licht der Welt. Sein Vater besaß daselbst eine Kunstmühle und betätigte sich nebenher als Frächter. Von ihm erbte Apollon einen nie versagenden Arbeitswillen. Seine Mutter, Monika Glitsch, stammte aus Elmen und war eine Schwester des bekannten Pfarrers Glitsch, der als Priester segensreich in den verschiedensten Orten gewirkt und den Kirchturm in Telfs erbaut hat. Fünf Kinder sind ihrer Ehe mit Josef Anton Scheidle entsprossen: Apollon, Rupert, Benjamin, Louise und Kreszenz. Rupert und Louise starben ledig, während die Nachkommen des Benjamin heute in Luxnach und die der Kreszenz heute in Häternach leben. Unser Apollon besuchte die Schule in Häselgehr, wo der tüchtige Lehrer Marzelin Weirather, der aus Elmen war, wirkte. Es sollte dem Apollon in späterer Zeit gar sehr zu Nutzen kommen, daß er in der Volksschule vorzüglich unterrichtet wurde. Nach der Volksschule besuchte Apollon zwei Jahre lang die Zeichnungsschule des Graveurs Falger von Elbigenalp und dann gings in die Fremde. Als er das erste Jahr bei Falger war, sah er einmal eine Zeichnung, die eine Verwandte aus München mitgebracht hatte. Sie stellte ein Fahrrad dar, das in dieser Zeit von England aus durch einen gewissen Drais, daher Draisine genannt, in Europa bekannt wurde. Nach dieser Zeichnung machte nun Apollon im Jahre 1868 ein Fahrrad aus Holz und in der Folge war er eifrig mit der Herstellung von Fahrrädern beschäftigt. Doch erst als er selbständig geworden war, konnte er sich dem Fahrradbau ganz besonders widmen.

Nach zwei Lehrjahren bei Graveur Falger ging Scheidle nach Jenbach und trat in die damals blühende Eisenbearbeitungsfabrik ein. Durch Fleiß und Geschicklichkeit erwarb er sich gar bald die besondere Zuneigung der leitenden Herren. Als er, wie es damals bei den Handwerks'leuten Sitte war, seine Wanderung nach Deutschland begann, versprach ihm der Direktor, daß er jederzeit wieder eintreten könne. Apollon zog nun nach Dresden, nach Heidelberg, nach Ulm und kehrte ungefähr eineinhalb Jahre später wieder nach Jenbach zurück. Das Wanderbuch, das allerlei interessante Aufzeichnungen über die Wanderzeit enthalten hat, ist ihm leider abhanden gekommen. In Jenbach eignete er sich auch alle zur Führung einer Lokomotive nötigen Kenntnisse an, da er in den Bahndienst eintreten wollte. Doch konnte er aus Gesundheitsrücksichtenden damals schweren Lokomotivführerberuf nicht versehen, weil er das Stehen im Freien auf der Maschine nicht aushalten konnte. Doch war er schon so weit fortgeschritten, daß er einen gewissen Georg Perle, Bruggers Jörgele genannt, in diesem Dienst ausbildete und ihm ein Zeugnis ausstellte, auf Grund dessen Perle sofort als Lokomotivführer aufgenommen wurde.

Nachdem der Vater einmal Apollon in Jenbach besucht und sich seine Tätigkeit angesehen hatte, entschloß er sich, dem tüchtigen Jungen ein Haus zu kaufen, und erwarb für ihn das eingangs erwähnte Haus in Obergiblen. Hier richtete sich Apollon eine mechanische Werkstätte ein und entfaltete in der Folge eine überaus rege Tätigkeit.

Besonders war er beim Straßen- und Brückenbau im Lechtal beschäftigt. Beim Brückenbau in Steeg, Stockach, Bach und Häselgehr wirkte er sowohl beim Ausmessen als auch an leitender Stelle mit. Fleißig und eifrig arbeitete er ferner an der Herstellung von Fahrrädern. Ihm verdanken wir das erste Luft-Pneumatik-Rad, wofür er bei der Landesausstellung in Innsbruck (1893) die große silberne Medaille erhielt.

Apollon besuchte fleißig Ausstellungen und bildete sich dadurch immer weiter. Selten arbeitete ein Mann so eifrig an der eigenen Fortbildung wie Scheidle. Ein besonderes Betätigungsfeld eröffnete ihm der damals einsetzende Fremdenverkehr.

Apollon wurde Bergführer und legte, als für diesen Beruf der Besuch eines Unterrichtskurses vorgeschrieben wurde, als Autodidakt die Prüfung mit recht gutem Erfolge ab. Besonders tat er sich im Kartenlesen hervor.

Beim Bau von Unterkunftshütten fand er ein neues Gebiet zur Betätigung seiner Kenntnisse und Kräfte. Er erbaute die Memminger Hütte, die er später zweimal vergrößerte, erstellte bei der Ansbacher und Hanauer Hütte die Wasserleitung und war mit Rat und Tat beim Bau von Höhenwegen — Scheidle hatte ja alle Spitzen erstiegen — eifrig tätig.

Apollon Scheidle war auch in seiner Heimatgemeinde für das Allgemeinwohl eifrigst bemüht. In den Vereinen, wie bei der Feuerwehr, wirkte er vielfach an leitender Stelle, er gehörte auch längere Zeit der Gemeindevertretung an.

Apollon hat dreimal geheiratet. Die aus der ersten Ehe entsprossenen 2 Kinder sind leider gestorben. Aus der zweiten Ehe stammten 2 Kinder, von denen eine Tochter, die Gemahlin des Notars Dr. Hauschild, noch lebt. Die dritte Frau, Kreszentia Selb aus Stockach, schenkte 7 Kindern das Leben. Hievon sind 2 ebenfalls gestorben.

Möge dem rastlos tätigen Apollon noch ein langer, recht froher Lebensabend beschieden sein, zur Freude seiner Angehörigen und seiner vielen Freunde!
Prof. Dr. J. W.


Innsbrucker Nachrichten vom 18. Juli 1938

Die Söhne Apollons - Oskar und Albert Scheidle - mit freundlicher Genehmigung von Scheidle Kraftfahrzeuge
Danke auch an Hermann Schrötter
In Obergiblen im Lechtal starb am 15. d. M. der weitbekannte Bauer und Erfinder Apollon Scheidle im 85. Lebensjahre. Schon in seiner Jugend erhielt er in der Zeichenschule des berühmten Litographen und Graveurs Anton Falger in Elbigenalp die Anregung für sein späteres Schaffen als Mechaniker und Erfinder.

Nach jahrelanger Tätigkeit in der Jenbacher Eisenfabrik ließ sich Scheidle in Obergiblen häuslich nieder. Er richtete sich eine mechanische Werkstätte ein, beteiligte sich an Weg- und Brückenbauten im ganzen Lechtal und vollendete seine Fahrradpläne. Sein Luftpneumatikrad, das erste dieser Art, brachte ihm 1893 bei der Landesausstellung in Innsbruck die große silberne Medaille ein. Später hatte der rastlose Mann ein neues Arbeitsfeld gefunden, er schuf die Grundlagen des modernen Fremdenverkehrs im Lechtal. Er legte selbst die Bergführerprüfung ab, erbaute die Memminger Hütte, legte die Wasserleitungen der Ansbacher und Hanauer Hütte an und überwachte den Bau von Höhenwegen als erstklassiger Kenner seiner heimatlichen Berge.
Auch im Leben der Gemeinde Obergiblen spielte Apollon Scheidle eine maßgebende Rolle. Er war lange Jahre im Gemeinderat und bei den verschiedenen Vereinen an führender Stelle.


Memminger Hütte mit einem ersten Anbau um etwa 1920
memminger hütte, 1920

Korrekturen und weiterführende Informationen:

Anita Walch-Lang
Roswitha Klotz (Tochter von Albert Scheidle)

Vielen Dank!

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