Schnippsel

Der arme Bettler

Aus: Außferner Bote vom 30. Okt. 1935
Häselgehr. (Pietätlosigkeit.) Im Lechtale trieb sich schon seit Wochen ein altes, hutzeliges Männlein von Dorf zu Dorf und hob in stillem Verlangen Haus um Haus seine mageren Hände um Gaben flehend stumm empor. Seine Bitte erfüllte man und wenn man sich mit ihm in ein Gespräch einließ, wurde einem klar, daß das Männchen im oberen Stübchen einen kleinen Klaps hat oder doch ein durchtriebenes Schelmchen ist, denn es gab an, nicht zu wissen, wie es heiße und woher es sei. Lustiglistig bemerkte es einmal, es sei von der Bukowina übriggeblieben. In den letzten Wochen versuchte es öfters, über die Berge heimzukommen wie es sagte und ging deshalb sogar in die unbewohnten Seitentäler. Aus einem solchen, dem Madautal, mußte es erst unlängst die Gendarmerie holen. Aber wohin mit dem Bettler, wenn man nicht weiß, woher er ist. Und so kam er durch Wandern von Ort zu Ort, ohne daß er verhaftet wurde. Ein wahres Gefrett hatten die Leute, die das Männchen übernachten ließen, denn es stak voll von Läusen, so daß man es nirgends mehr haben wollte. Dies wußte der Bettler aber auch selbst und verkroch sich so oft in die Heuschupfen der Wiesen. Das war auch in der letzten Zeit während der kalten und stürmischen Tage der Fall. Den Schnee trieb kalter Wind weit herab ins Tal und die Leute bangten sogar um ihre freiweidenden Schafe und machten sich auf die Schafsuche. Dabei beteiligten sich auch junge Burschen, die neben einem Heuschupfen im sogenannten Bergle das Bettlermännlein, das ihnen wohlbekannt war, in halb verhungertem Zustande fanden. Sie sahen, wie das Männchen in seiner Schwäche mehrmals versuchte, durch eine Lücke in das Heu des Schupfens zu krabbeln und ließen es ohne jedes Mitgefühl immer wieder erschöpft herunterkollern. Keine ihrer Hände rührte sich zur Hilfe und sie gingen von dannen. Es kam der Abend und erst gegen 10 Uhr sagte einer der Jungen, daß im Bergle droben das Bettlermännlein am Sterben liege und im Freien in Wind und Wetter sei, ohne Mantel und Nahrung, verlassen von Gott und den Menschen. Und wieder rührte sich niemand zu sofortiger Hillfe. Man ließ es liegen und als man am nächsten Tage bei der Gendarmerie aus einer ganz anderen Ursache die Anzeige erstattete, war das Männchen erfroren, verhungert. Man trug es in das Armenhaus der Gemeinde und einige aus der Zivilbevölkerung wollten ihm kirchliches Begräbnis verweigern, denn man könne nicht wissen, ob es katholisch gewesen sei. Doch viele der Leute sahen es öfters das Kreuzzeichen machen und so konnte ihm durch dieses einzige Zeichen äußerer Religion wenigstens das geweihte Grab verschafft werden. Bald wäre das Männchen in seinem erbarmungswürdigen Lose auch noch um dieses gekommen, denn um das Geld kam es vor und nach seinem Sterben. Ein einfaches Holzkreuz ohne Name schmückt nun auf unserem Friedhofe ein Grab.

Im Auftrage der Behörde wurden dem Bettler die Fingerabdrücke abgenommen, um so seinen Namen und seine Herkunft zu ermitteln. Auf Grund einer früheren Daktyloskopie wurde festgestellt, daß er sich damals Philipp Delwenzl nannte und angab, staatenlos zu sein.


philipp delwenzl

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