Schnippsel

Erlebnisse eines Hütkindes

von A. Grabherr

Aus: Außferner Bote, Serie im Juni 1934
Er war schon in den ersten Schuljahren ein aufgeweckter Knirps der Lois, mit einem ganz weißen Schopf, der das „Einmaleins" und das „Abc" bald los hatte. Und als die „Bibel" nur an solche verteilt wurde, die gut lesen konnten, da war der Lois einer der Ersten, der eine erhielt. Und wie ein Heißhungriger über ein schmackhaftes Essen, machte er sich darüberher.

Alles interessierte ihn, und nicht gar lange dauerte es, so konnte er das ganze Buch, von der „Erschaffung der Welt" bis zur „Aussendung der Apostel" so geläufig erzählen, wie die Räubergeschichten. die er an Winterabenden, die Füße auf die Ofenbank gezogen, von seinem Vater gehört. Schon damals war ihm die Geschichte seine Lieblingslektüre. Deshalb ging es auch im Katechismus nicht so glänzend, aber der Lois hatte ein gutes Gedächtnis und dies half ihm in der Religionsstunde über das „Steckenbleiben" hinweg.
Dafür erhielt er bei der Prüfung am Frühjahr ein schönes Gebetbüchlein, das so gut gebunden war, daß er es kaum öffnen konnte und so gut roch und ein paar nagelneue „Holzknospen" und Wollstrümpfe als Preis. Da war der Lois nicht wenig stolz, als er mit geschulterten Holzknospen die Strümpfe und das Gebetbüchlein in der Hand, zu Hause das Stübchen betrat. — Man verwunderte sich nicht ob seinen Anerkennungs-Diplomen, denn sie wußten ja, wie „gescheit" ihr Bub war, der so schön an Abenden beim „Sticken" aus der Legende vorlas uud die schönsten Gedichte auswendig wußte. Aber sie freuten sich doch und meinten: „Für ihn wäre 'studieren' am besten, und: „der würde einen rechten Pfarrer abgeben."

Aber bei dem blieb es auch, nämlich bei der Meinung. Leider! Der Lois grämt sich noch jetzt ob seines verfehlten Berufes.

Dafür mußte er im Sommer bei irgend einem Bauern im Dorfe das Vieh hüten und später, als er zehn Jahre zählte, tat man ihn gar in das „Schwabeland" verdingen. Seine Mutter selbst brachte ihn bis nach Ravensburg auf den Markt. Sie mußte auch gar nicht lange warten, war ein Bauer zur Stelle und fragte sie, ob der Bub noch „frei" sei, und als die Mutter bejahte, schloß man den „Kauf". Er sollte zehn Gulden und das doppelte „G'wand" sowie zwei paar Stiefel erhalten, auch einen Gulden „Hafting" und einen Gulden „Schnitthahnen". Dem Bauer schien es nicht zuviel zu sein, der Lois schien ihm zu gefallen, denn er schloß gleich den „Handel" und übergab der Mutter den Gulden „Hafting".

Man ging dann noch in ein Wirtshaus, um bei Bier und Bratwurst den Abschiedsschmerz zu mildern und am Spätnachmittage nahm die Mutter „Pfiet Got", um wieder heimwärts zu wandern, oder ein anderes ihrer vielen Kinder im „Schwabenland" zu besuchen und der Lois fuhr mit dem Bauer in einer Kalesche auf seine Besitzung, die weit von Ravensburg entfernt war, denn sie fuhren bei Mitternacht in verschiedenen Krümmungen durch Wald und Flur. Dieses traurige Los teilten aber mit dem Lois noch viele, die in so zartem Alter dem Schutze der Eltern entzogen, in der rauhen Welt unter oft noch rauheren Menschen das harte Brot verdienen mußten, um im Herbste den Eltern eine Unterstützung bringen zu können.

Das war eine lange Zeit von „Josefi" bis „Martini" und eine strenge Zeit für den Lois und dies mußte er fünf Sommer aushalten bis er in die „Lehre" kam. Aber er blieb bei der Schwabenkost gesund und gewöhnte sich an die Fremde.

Heimweh überkam ihn jedoch einmal, als ihm an einem heißen Sommertag die ganze Herde, 34 an der Zahl, über Feld und Saaten durchging, und der Bauer ihn dafür mit seinem eigenen Geiselstiel tüchtig „verhinterte".

Da war bei dem Lois vom Weiterbleiben keine Rede mehr, und er beschloß zu entfliehen. Und wie er dieses anstellte und ausführte, werden wir bald sehen. —

Nach dem Abendrosenkranz, der immer in der kleinen Kapelle des Weilers gebetet wurde, vertraute er seinen Kameraden sein Vorhaben an und es wurde beschlossen, daß jene bei Dunkelwerden vor seinem Kammerfenster passen sollten, um seine Habseligkeiten in Empfang zu nehmen.

Der Lois ging nach Hause, kramte seine Siebensachen in den Sack, in dem er sie auch mitgebracht hatte und als die verabredete Zeit da war, warf er den Sack den bereits anwesenden Helfershelfern beim Fenster hinab, desgleichen seinen Rock und Hut, um keinen Verdacht zu erregen. Die Kameraden verschwanden mit ihrer Beute zu dem verabredeten Platz. Der Lois wartete noch eine Weile, und als die Magd die Haustüre schloß und sich zur Ruhe begab, da ging er keck hinaus.

Er lief an den bestimmten Ort der Zusammenkunft, nahm sein Eigentum in Empfang, verabschiedete sich von seinen Kameraden, und übernachtete in einem Schweinestalle, der gerade unbewohnt war.

Aber kaum fing der Tag zu grauen an, kroch der Lois aus seiner unwohnlichen Herberge heraus, nahm seinen Reisesack auf den Rücken und zog unverzagt gegen Süden dem väterlichen Hause zu, den Lohn von Josefi bis in den August hinein samt seinem Heimatschein zurücklassend. Auch nicht einen Groschen enthielt die Kasse dieses zehnjährigen Streikers. Aber der Lois war schon damals ein ausgesprochener Optimist, der alles von schönster Seite betrachtete, und so trabte er, mutterseelenallein beim Trillern der Lerche zuversichtlich fürbas.

Freilich sah ihm tagsüber mancher Begegnende verwundert nach, doch das kümmerte den Lois blutwenig, wenn man ihm nur keine Hindernisse bereitete und durch neugierige Fragen sein Verbrechen aufdeckte, zumal noch im Bannkreise jenes Bezirksamtes. Allein niemand frug nach seinem Schmerz und seinem Hunger. — Schon hatte er manches Dorf und manchen Weiler seit Morgengrauen durchwandert, ohne daß er sich getraut hätte, für seinen knurrenden Magen eine Labung zu erbitten. Die Sonne neigte sich schon bedenklich im Westen, als er nach Kieslegg kam. Und hier erwartete unseren kleinen Wanderer das Verhängnis. Wie er so bedächtig über die Schienen der dort die Straße kreuzenden Eisenbahn der Stadt zuschritt, sah er schon von weitem einen leibhaftigen Gendarm stehen. In seinem Schuldbewußtsein nichts anderes denkend, als dieser Passe nur auf ihn, um ihn wieder auf seinen Platz zurückzuführen, versteckte er sich schleunigst hinter einem des Weges fahrenden beladenen Heuwagen, schielte aber immer rechts nach dem Hüter des Gesetzes. Und als dieser mal wo anders hinschaute, huschte der Lois wie der Wind zwischen zwei Häuser hinein in so eine Art Sackgasse.

In seiner Not fiel er mit einem Fuß in eine Lache, ward naß, und ein hoher eiserner Gartenzaun stellte sich seiner Flucht entgegen. Aber in seiner Angst frug der Lois nach keinem Hindernis und keinem Verbot. Er warf sein Bündel über den Zaun und kletterte selbst eilig nach, bevor etwa der Pickelhaubenmann ihn entdeckte.

Leider erhielt seine Hose einen großen Riß von den gefühllosen Eisenspitzen, aber er war drüben und sein vermeintlicher Verfolger konnte ihn nicht mehr sehen. Doch der Fluch der bösen Tat bewahrheitete sich auch hier, denn er war in den Schloßgarten eingedrungen. —

Als der kleine Schlingel bemerkte, daß er nicht in einem gewöhnlichen Garten war, weil alles so künstlich hergerichtet aussah, trachtete er einen Ausgang zu finden.

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