Geschichte

In Kindes-Nöthen

vom stillen Sterben der Mütter

Ein vergilbter Eintrag in den alten Kirchenbüchern unserer Region, geschrieben mit brauner Tinte in altdeutscher Schrift, gibt uns oft tiefere Einblicke in das reale Leben unserer Ahnen als jedes Geschichtsbuch. Ein solches Zeitzeugnis aus dem späten 18. Jahrhundert markiert den Auftakt unserer Serie über den historischen Alltag im Außerfern:

„Todestag: 16.2.1788, Elisabeth Schlichtherle mit dem zur Welt gebrachten Kind, 36 Jahre alt, Ursache: 'in Kindes-Nöthen'.“

Dieser knappe Satz birgt eine Tragödie, wie sie sich in den Tälern damals unzählige Male abspielte: Das Schicksal einer 36-jährigen Frau und ihres Neugeborenen, die an den Komplikationen einer Entbindung starben.

Die medizinische Realität im Bergbauerndorf


Um 1800 war eine Schwangerschaft für Frauen im Außerfern keine reine Zeit der Vorfreude, sondern ein existenzielles Risiko. Die Ursachen für die hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit waren vielschichtig:

Mangelnde medizinische Versorgung: Ausgebildete Ärzte gab es in den ländlichen Gebieten kaum oder sie waren unerschwinglich. Die Geburtshilfe lag fast ausschließlich in den Händen örtlicher Hebammen oder erfahrenen Frauen aus dem Dorf.

Unwissenheit über Hygiene: Das Wissen über Infektionen, Sterilität und das spätere „Kindbettfieber“ existierte schlichtweg noch nicht. Selbst einfache Desinfektionsmaßnahmen waren unbekannt.

Kam es zu Komplikationen – etwa einer Steisslage, Nachblutungen oder einer Verengung des Beckens, etwa durch nicht unübliche vorherige Mangelerkrankungen, waren die Helferinnen meist macht- und hilflos. Der Begriff „in Kindes-Nöthen“ fasste all diese dramatischen, oft stunden- oder tagelangen Geburtsstillstände zusammen.

Das harte bäuerliche Leben bedeutete für Frauen nicht selten auch während der Schwangerschaft schwere körperliche Arbeit auf dem Hof und den Feldern, oft gepaart mit karger Ernährung.

Der Fall von Elisabeth Schlichtherle war kein Einzelschicksal. Ein Blick in die Matriken jener Zeit zeigt, dass beinahe jede Familie von allzufrühen Todesfällen betroffen war. Dass Mutter und Kind gemeinsam verstarben, war das traurige Szenario auf vielen Bauernhöfen und kleinhäuserischen Wohnstätten.

Für die Hinterbliebenen – oft blieben weitere kleine Kinder zurück – bedeutete ein solcher Verlust nicht nur tiefes menschliches Leid, sondern auch eine akute wirtschaftliche Notlage. Der Hof musste weitergeführt werden, was nicht selten dazu führte, dass Witwer rasch erneut heirateten, um das Überleben der Familie zu sichern - Liebe spielte dabei meist, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle.

Was uns die Matriken heute erzählen


Einträge wie jener vom 16. Februar 1788 holen die Anonymität aus der Geschichte. Sie erinnern uns daran, dass der Alltag unserer Vorfahren im Außerfern von einer ständigen Konfrontation mit der Vergänglichkeit geprägt war. Glaube und Ergebenheit in das Schicksal waren für die Menschen damals oft der einzige Halt, um mit solchen Schicksalsschlägen weiterleben zu können.

Elisabeth Schlichtherle steht stellvertretend für die vielen Frauen, deren Namen in den Kirchenbüchern ruhen – und deren Lebensrealität wir in dieser Serie ein Stück weit dem Vergessen entreißen wollen.

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