Persönlichkeiten

Frederick Simms

Autopionier, Jagdherr und Wohltäter

Wenn man heute durch die Höhenbachschlucht bei Holzgau wandert, lässt sich das Rauschen schon von Weitem vernehmen: Der Simmswasserfall stürzt dort spektakulär über die Felsen. Und hoch oben, im auf der anderen Talseite gegenüberliegenden Sulzltal, schattig gelegen unter den Felswänden der Holzgauer Wetterspitze, empfängt die Frederick-Simms-Hütte (2.004 m) Sommer für Sommer die Bergsteiger.

frederick r. simms
Frederick Richard Simms
Allg. Automobil-Zeitung v. 4. Sep. 1904
Doch wer war der Mann, dessen Name bis heute in den Lechtaler Alpen verwurzelt ist? Die Antwort führt zu einer faszinierenden Persönlichkeit der europäischen Technikgeschichte – einem britischen Erfinder, der nicht nur die Automobilwelt revolutionierte.

Frederick Richard Simms wurde am 12. August 1863 geboren, wuchs als Sohn britischer Eltern in Hamburg auf und sprach perfekt Deutsch. Diese Zweisprachigkeit war auch der Schlüssel seines Erfolges, denn 1889 lernte der junge Ingenieur auf einer Ausstellung in Bremen den Erfinder Gottlieb Daimler kennen. Simms war augenblicklich begeistert von Daimlers neuartigen Benzinmotoren.

Ausgestattet mit einem regen Unternehmergeist verlor Simms keine Zeit, erwarb die Lizenzrechte für das gesamte Britische Empire und gründete die Daimler Motor Syndicate Ltd.. Damit legte er den Grundstein für die britische Automobilindustrie. Damals neue Wortschöpfungen, wie etwa petrol (für Benzin) und motocar (für Auto), werden ihm zugeschrieben.
Weiters entwickelte Simms mit dem Motor Scout und dem Motor War Car die ersten bewaffneten und gepanzerten Fahrzeuge der Welt.

simms motor scout
Simms' Motor Scout - aus: Allgemeine Automobilzeitung vom 11. Feb. 1900

Einen großen Durchbruch schaffte er Ende der 1890er Jahre zusammen mit Robert Bosch mit der Entwicklung einer sauber arbeitenden Magnetzündung (Simms-Bosch-Magnetzündung). Im selben Zeitraum (1897) rief er auch den Automobile Club of Great Britain ins Leben, den heutigen Royal Automobile Club (RAC), sowie 1902 den britischen Automobilverband SMMT.

Wie aber verschlägt es einen wohlhabenden Londoner Industriellen und Erfinder mitten in die Tiroler Bergwelt?

Die Antwort liegt in Simms’ zweiter großer Leidenschaft: der Jagd. Im Jahr 1893 – Simms war gerade einmal 30 Jahre alt – suchte er nach einem unberührten, wildromantischen Jagdrevier in den Alpen. Nach Erkundigungen am kaiserlichen Hof in Wien erhielt er eine persönliche Empfehlung von Kaiser Franz Joseph I.: Er solle ins obere Lechtal nach Holzgau reisen.

Simms folgte dem kaiserlichen Rat. Fasziniert von der Landschaft und der Natur des Außerferns pachtete er die hiesige Jagd. Regelmäßig verbrachte er fortan seine Sommer und Herbste in Holzgau, um auf Gamsjagd zu gehen. Oft brachte er prominente Gäste mit – allen voran seinen Geschäftspartner und Freund Robert Bosch.

Aus: Außferner Bote vom 7. Okt. 1933
"Es war im Sommer 1893, als Herr Frederik Simms zum erstenmale nach Holzgau gelangte. Mit dem damaligen Bergführer Heinrich Lumpert war er von Oberstdorf hieher gekommen. Ein kurzer Aufenthalt genügte, daß Frederik Simms die Schönheiten unserer Gegend, vor allem der erhabenen Bergwelt, schätzen lernte und in ihm der Entschluß erweckt wurde, nächstes Jahr wiederzukommen. Aber bei einer einmaligen Wiederholung seines Besuches blieb es nicht, denn je öfters unser Gast wiederkehrte, desto besser gefiel es ihm, desto mehr schloß er unser Heimatdorf und seine Bewohner ins Herz. Die ersten Jahre war es das Gebirge, dessen Pracht ihn hieher zog. Mit Lumpert unternahm er Bergfahrten in die Schweiz (auf den Piz Buin, auf das Fluchthorn usw.), ferner in die Tiroler und Salzburger Berge, wie z. B. auf den Großglockner.
Später huldigte er dem edlen Weidwerk und gab den Bergsport auf. Da wurde im Jahre 1914 die Reihe seiner Besuche plötzlich jäh unterbrochen: Der Weltkrieg war entbrannt. Für Frederik Simms als Engländer war es daher unmöglich, unser Gast zu sein. Aber schon im zweiten Jahre nach Kriegsende erschien unser alter Freund wieder. Selbst das blutige Völkerringen, indem sich auch Oesterreich und Großbritannien feindlich gegenüberstanden, hatte es nicht vermocht, die Liebe dieses Mannes zu seinem ihm einmal liebgewordenen Holzgau ersterben zu lassen, zu seinem Holzgau, das er nun alljährlich wieder im Frühjahr und im Herbst aufsucht, um hier die Jagd auszuüben.

Wollten wir nun mit obigen Zeilen abschließen, so hätten wir unseren Lesern nur ein ganz unvollkommenes Bild von Herrn Frederik Simms gegeben: die Schilderung eines treuen Gastes, der einstmals hier Bergsport betrieb und dann zum Weidwerk überging. Das entspräche aber bei weitem noch nicht der Wirklichkeit. Eine Reihe von Pinselstrichen ist noch nötig, um das Gemälde dieses Mannes vollständig und naturgetreu zu machen. Frederik Simms ist nicht nur unser treuer Gast, er ist einfach — mit einem Dichterwort gesprochen — u n s e r. Beweis hiefür sind die vielen Wohltaten, die er uns im Laufe der Zeit erwiesen hat, Wohltaten, die selbst einem hier geborenen Bürger alle Ehre machen würden. Im Jahre 1900 ließ Herr Simms den Wasserfall in der Höhenbachschlucht großartig ausbauen und ihm durch Aussprengung einer Felswand eine andere Richtung geben. Im Jahre 1901 wurde auf seine Veranlassung hin der hiesige Verschönerungsverein gegründet und Frederik Simms erwies sich in der Folge als dessen größter Förderer. Jahr für Jahr spendete er dem Verein 100 Kronen, mit welchem Betrag so manches geschaffen werden konnte. Aus Dank für diese tatkräftige Unterstützung wurde Simms später zum Ehrenmitglied ernannt. Im Jahre 1903 ließ er auf seine Kosten das Antonienbad erbauen und schenkte es dem Verschönerungsverein. Der neugegründeten Freiwilligen Feuerwehr Holzgau spendete er im Jahre 1905 eine Feuerspritze, die er eigens von London hieher senden ließ. Zum Danke hiefür wurde er von der Feuerwehr ebenfalls als Ehrenmitglied aufgenommen. Diese Schenkung kam uns besonders beim Brande des Gasthofes z. Hirschen (1927) sehr zustatten, denn ohne Feuerspritze wäre es unmöglich gewesen, den Brand einzudämmen, so daß unabsehbares Unglück unsere Gemeinde getroffen hätte. Als im Jahre 1907 die Sektion Holzgau des D. u. Oe. Alpenvereins am Fuße der Wetterspitze eine Unterkunftshütte erbaute, übernahm Herr Frederik Simms zur Gänze deren Kosten, weswegen diese Hütte ihm zu Ehren den Namen Frederik-Simmshütte erhielt. Ein Jahr darauf ernannte ihn auch die Sektion zu ihrem Ehrenmitgliede. Zum Bau des neuen Schwimmbades gab Simms dem Verschönerungsverein im Jahre 1930 die Summe von 1000 Schilling. Auch sonst zeigte sich Frederik Simms als Freund und Wohltäter der Gemeinde, namentlich den Armen gegenüber, denen er manche Spende zukommen ließ.


Frederick Richard Simms verstarb am 21. April 1944 im Alter von 80 Jahren in England in der Nähe von London. Während man ihn in Großbritannien vor allem als Pionier des Automobils ehrt, bleibt sein Andenken im Tiroler Lechtal auf ganz besondere Weise lebendig: als engagierter Jagdherr, Förderer des Alpinismus und Schöpfer eines Naturschauspiels.

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