Geschichte

Die Bärenjäger von Reutte (1873)

Wie man Raubtiere mit Rötel erlegt

bär


Im Herbst 1873 herrschte im Markt Reutte helle Aufregung: Zwei bis drei Braunbären trieben im Planseegebiet ihr Unwesen und versetzten die Bauern in Schrecken. Das rief sechs wackere Reuttener Bürger auf den Plan, die – schwer bewaffnet und mit reichlich Proviant ausgestattet – auszogen, um das Außerfern von der Bestie zu befreien.

Die heldenhafte Mission scheiterte jedoch schon an der ersten Schlüsselstelle: dem Wirtshaus „Krone“ (damals beim 'Schueler' geheißen). Als der Wirt die Truppe aus dem Fenster erblickte und auf eine kurze Stärkung einlud, dachten sich die Waidmänner: „Ein Viertel Rötel hebt den Mut!“

Aus dem schnellen Stehachterl wurde jedoch eine Sitzhalbe und aus der Halbe dann eine Maß – und der süffige Südtiroler Wein ließ die wilden Bestien im Nu vergessen. Die Zecherei dauerte bis tief in die Nacht.

Die Bären hatten derweil vermutlich den Braten (oder eher den Weindunst?) gerochen und suchten das Weite. Von den Zotteltieren fehlte hernach jede Spur – dafür hatte das Außerfern für die nächsten Jahre genug Stoff für Gelächter[1].


Diese Begebenheit wurde später vom Augsburger Bischof Maximilian Lingg von Nesselwang, welcher ein Schulfreund des Bäckermeisters Ihrenberger (Christlbäck) von Reutte und auch Mundartdichter war, in seiner Gedichtsammlung "Gmüethle" mit aufgenommen.

D' Bearejagd


"Auf, Burgar, kummet unter's G'wehr,
Drei Beare rucket a',
Sie kummet scho', bei meiner Ehr,
Beim Plasea hinda ra,

Itz richtet nu' all Gabla hea
Und d'Flögel o dezue,
Verrisse hond ja scho' die Bear
Drei Kälbla und a Kueh!

D'r Schützemeischter goht vora',
Kotz Stearemordio!
Hot dear an greane Kittel a',
An Gamsbart am Schapoh;
Und hintenoche kummet no
Fümf ander Jägarsleit,
Itz Müesset wohl die Beare go'
Bald num in d'Ewigkeit.

So rucket se uf Reutte nei'
Im allerschnelschte Lauf,
D'Leit froge, was wohl heit meah' sei
Und sperre d'Mäuler auf.
Doch d' Jägar gend uf Dös it Acht,
Die hond ja heu' kue' Zeit,
Drei Beare fanga bis auf d' Nacht,
Dös ischt kue Kleinigkeit.

Itz sind se scho' beim letschte Haus,
Ma' heißts beim "Schueler" döt,
Do schaut der Wirth beim Fenster raus
Und grüeßt die Herrn und söt:
"Ihr wend gwiß uf die Beare los,
So gond a bisle rei,
Und trinket, zur Verstärkung bloß,
A Glas Tiroler Wei'!"

Der Meischter söt: "Mir ischt es reacht,
So kehr mr a bisle ei'!"
De Uine gföllt es o it schleacht,
Und all verlanget Wei'.
Seal ischt a Wei', so geit's kui'n Wei',
Der ischt bigott so keck,
Der loßt di, schausch ins Glas mol nei'
Vom Platz glei numma weck.

So goht es heut de Jäger o,
Se sind halt hocke bliebe,
Sie fanget mit oim' Schoppe a',
Z'letscht werde's etle siebe.
Dr'seit sind Beare o it dumm -
Die hond die G'wehrer g'seah! -
Der alt Bear brummt: "itz kehr mr um,"
Und itz - sind's Neamad meah'.

Die Sechse bei dem "Schueler" draus
Hond ab'r doch a Jagd.
Sie jage - us am Fäßle raus
De Wei' bis spät in d' Nacht.
'S war o a Jagd und - it viel Müeh,
Und dös war's End vom Lied:
Sie bringet statt drei Bearevieh
Sechs fürchtig - Affe mit.
[2]


Einzelnachweis


1. Tiroler Chronist Nr. 30, 1988-03
2. Gmüethle: Gedichte in der Mundart des östlichen und mittleren Allgäu; Maximilian Lingg, Verlag Kösel, Kempten (1874)

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