Wer heute durch die historischen Gassen von Füssen blickt oder das idyllische, direkt hinter der tirolerischen Grenze gelegene Städtchen Vils besucht, hört meist nur noch das ferne Läuten von Kirchenglocken.
Doch im Barockzeitalter klang diese Region völlig anders: Aus unzähligen weit geöffneten Fenstern drang das rhythmische Schaben von Ziehklingen, das helle Klopfen von kleinen Hämmern und das feine Stimmen frisch besaiteter Korpusse. Das Allgäu und das Außerfern waren über Jahrhunderte hinweg das Silicon Valley des europäischen Instrumentenbaus.
Alles begann offiziell im Jahr 1562. Damals gründeten die Füssener Handwerker die erste Lautenmacherzunft Europas. Doch die Tradition saß tiefer: Schon 1436 taucht im Zinsbuch des Klosters St. Mang der erste „Lautenmacher“ namentlich auf. Dass sich ausgerechnet dieses alpine Nadelöhr zum weltweiten Zentrum entwickelte, verdankte es einer perfekten Mischung aus Geografie und Natur. In den steilen, kargen Bergwäldern der Region wuchs die sogenannte Resonanzfichte – ein Holz, das durch das langsame Wachstum in der Kälte extrem feine Jahresringe ausbildete und Schwingungen unvergleichlich edel weitergab. Als weiterer Rohstoff war das Eibenholz für den Instrumentenbau erforderlich, welche im Gebiet Ettal und dem alpinen Lechtal ihr ergiebiges Vorkommen hatten.
Die Verfügbarkeit von Eibenholz im Allgäu und dem Außerfern kann geradezu mit als eine Hauptvoraussetzung für die günstige Entwicklung des Allgäuer Musikinstrumentenbaus im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert angesehen werden. So waren die Lautenmacher darauf bedacht, stets ausreichend und günstig mit dem erforderlichen Rohmaterial versorgt zu sein. 1585 bewarb sich der Füssener Lautenmacher Niclas Weiss um Eibenholz in Tirol. Die Innsbrucker Regierung aber ordnete später eine Abweisung an, da es beim Fällen und Bearbeiten des Holzes offenbar zu Unregelmäßigkeiten gekommen war[1].
Die langen Winter zwangen die Einheimischen in die heimischen Stuben, wo sie dieses Holz in filigrane Meisterwerke verwandelten. Dank des Lechs und der alten Handelsroute der Via Claudia Augusta konnten die empfindlichen Instrumente per Floß und Karren sicher in die Kulturmetropolen exportiert werden.
Das eigentliche Phänomen war jedoch ein bürokratisches: Die Füssener Zunftordnung war unerbittlich und ließ strikt nur zwanzig Meister im Ort zu. Hochtalentierte Gesellen wanderten in der Folge scharenweise aus. Legendäre Familiendynastien wie die Tieffenbrucker aus Roßhaupten und Füssen zogen über die Alpen und bauten die Zentren des Instrumentenbaus in Venedig, Padua, Bologna und Lyon überhaupt erst auf. Um das Jahr 1600 stammten fast alle bedeutenden Lautenbauer auf dem Kontinent aus dem Füssener Land.
Wer an die großen Zentren des barocken Instrumentenbaus denkt, dem kommen meist Cremona, Venedig oder das vorgenannte, benachbarte Füssen in den Sinn. Doch nur einen Steinwurf hinter der tirolerischen Grenze entwickelte sich das kleine Städtchen Vils ab dem späten 17. Jahrhundert zu einem verblüffenden Epizentrum der Handwerkskunst. Die Meister der sogenannten „Tiroler Schule“ schufen Streichinstrumente von solch akustischer Brillanz, dass ihr Ruf weit über die Grenzen des Außerferns hinausreichte.
Die Geschichte des Vilser Geigenbaus teilt sich in zwei grundlegende Epochen. Die erste Phase war geprägt von wahren Kosmopoliten. Weil der regionale Markt im kleinen Grenztal schnell gesättigt war, zog es die begabtesten Söhne der Stadt in die großen europäischen Kulturmetropolen. Einer der ersten Vilser Meister scheint Georg Wörle gewesen zu sein. Er war später vorwiegend in Augsburg tätig[1]. Der aber wohl glanzvollste Name dieser Ära ist Johann Udalricus Eberle. Er wanderte nach Prag aus und stieg dort zum unangefochtenen Kopf der Prager Geigenbauschule auf. Berühmt wurde er weltweit für seine meisterhaften Violen d’amore. Seine Verwandten zog es bis nach Neapel und Mannheim, während ein anderer Vilser, Antony Posch, in Wien sogar zum kaiserlichen Hoflautenmacher aufstieg. Auch Georg Aman hinterließ in Augsburg Spuren: Seine Instrumente bestachen nicht nur durch einen außergewöhnlich weichen Klang, sondern oft auch durch kunstvoll geschnitzte Engelsköpfe anstelle der klassischen Schnecke.
Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Struktur und die Ära der großen, sesshaften Familiendynastien begann. Allen voran prägte die Familie Rief über ein Jahrhundert lang das Handwerk direkt in Vils. Ausgehend vom Stammvater Anton Rief entwickelte sich die Werkstatt zu einer echten Institution. Den qualitativen Höhepunkt der Vilser Schule markieren die Arbeiten von Dominikus Rief um 1800, dessen edle Pracht-Violas heute in Museen wie dem Innsbrucker Ferdinandeum gehütet werden. Wie tief der Pioniergeist in Vils saß, bewies schließlich Josef Matthäus Rief sen.: Auf der unermüdlichen Suche nach dem perfekten, vollen Klang experimentierte er mutig mit völlig neuen Konstruktionen und baute Geigen mit einem doppelten Boden.
Die zweite maßgebliche Familie war jene der Petz.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nehmen sich Lechtaler Geschäftsleute dem Handel mit den Musikinstrumenten an, insbesondere Angehörige der Familien Lechleitner, Maldoner und Kropf. Anton Karl Kropf von Unterschönau reiste in der Zeit zwischen 1750 bis 1814 des öfteren nach Piemont und Frankreich und verkaufte dort zahlreiche Instrumente. Johann Lechleitner von Stanzach betrieb das Geschäft von 1760 bis 1780 in den Niederlanden, seine Söhne Anton und Christian setzten es später fort. Nach der französischen Revolution und während der napoleonischen Kriege war den Lechtaler Geigenhändlern der Warenhandel westlich des Rheins erschwert, teilweise sogar unmöglich gemacht[1].
Das bittere Ende dieser glanzvollen Epoche kam im späten 19. Jahrhundert. Als Josef Matthäus Rief jun. im Jahr 1879 verstarb, erlosch die Tradition endgültig. Gegen die aufkommende industrielle Massenfertigung aus den sächsischen und böhmischen Großmanufakturen konnten die traditionsbewussten Vilser Familienbetriebe preislich nicht mehr konkurrieren. Geblieben sind jedoch rare, extrem gesuchte Kostbarkeiten: Wenn heute eine echte Vilser Geige bespielt wird, erwacht der unvergessliche, goldene Klang des barocken Außerferns zu neuem Leben.
1. Die Allgäuer Lauten- und Geigenmacher; Adolf Layer (1978)
Das Phänomen Füssen: Strenge Zunft und globale Auswanderung
Alles begann offiziell im Jahr 1562. Damals gründeten die Füssener Handwerker die erste Lautenmacherzunft Europas. Doch die Tradition saß tiefer: Schon 1436 taucht im Zinsbuch des Klosters St. Mang der erste „Lautenmacher“ namentlich auf. Dass sich ausgerechnet dieses alpine Nadelöhr zum weltweiten Zentrum entwickelte, verdankte es einer perfekten Mischung aus Geografie und Natur. In den steilen, kargen Bergwäldern der Region wuchs die sogenannte Resonanzfichte – ein Holz, das durch das langsame Wachstum in der Kälte extrem feine Jahresringe ausbildete und Schwingungen unvergleichlich edel weitergab. Als weiterer Rohstoff war das Eibenholz für den Instrumentenbau erforderlich, welche im Gebiet Ettal und dem alpinen Lechtal ihr ergiebiges Vorkommen hatten.
Die Verfügbarkeit von Eibenholz im Allgäu und dem Außerfern kann geradezu mit als eine Hauptvoraussetzung für die günstige Entwicklung des Allgäuer Musikinstrumentenbaus im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert angesehen werden. So waren die Lautenmacher darauf bedacht, stets ausreichend und günstig mit dem erforderlichen Rohmaterial versorgt zu sein. 1585 bewarb sich der Füssener Lautenmacher Niclas Weiss um Eibenholz in Tirol. Die Innsbrucker Regierung aber ordnete später eine Abweisung an, da es beim Fällen und Bearbeiten des Holzes offenbar zu Unregelmäßigkeiten gekommen war[1].
Die langen Winter zwangen die Einheimischen in die heimischen Stuben, wo sie dieses Holz in filigrane Meisterwerke verwandelten. Dank des Lechs und der alten Handelsroute der Via Claudia Augusta konnten die empfindlichen Instrumente per Floß und Karren sicher in die Kulturmetropolen exportiert werden.
Das eigentliche Phänomen war jedoch ein bürokratisches: Die Füssener Zunftordnung war unerbittlich und ließ strikt nur zwanzig Meister im Ort zu. Hochtalentierte Gesellen wanderten in der Folge scharenweise aus. Legendäre Familiendynastien wie die Tieffenbrucker aus Roßhaupten und Füssen zogen über die Alpen und bauten die Zentren des Instrumentenbaus in Venedig, Padua, Bologna und Lyon überhaupt erst auf. Um das Jahr 1600 stammten fast alle bedeutenden Lautenbauer auf dem Kontinent aus dem Füssener Land.
Die Geigenbauer aus Vils: Tiroler Handwerkskunst von Weltrang
Wer an die großen Zentren des barocken Instrumentenbaus denkt, dem kommen meist Cremona, Venedig oder das vorgenannte, benachbarte Füssen in den Sinn. Doch nur einen Steinwurf hinter der tirolerischen Grenze entwickelte sich das kleine Städtchen Vils ab dem späten 17. Jahrhundert zu einem verblüffenden Epizentrum der Handwerkskunst. Die Meister der sogenannten „Tiroler Schule“ schufen Streichinstrumente von solch akustischer Brillanz, dass ihr Ruf weit über die Grenzen des Außerferns hinausreichte.
Die Geschichte des Vilser Geigenbaus teilt sich in zwei grundlegende Epochen. Die erste Phase war geprägt von wahren Kosmopoliten. Weil der regionale Markt im kleinen Grenztal schnell gesättigt war, zog es die begabtesten Söhne der Stadt in die großen europäischen Kulturmetropolen. Einer der ersten Vilser Meister scheint Georg Wörle gewesen zu sein. Er war später vorwiegend in Augsburg tätig[1]. Der aber wohl glanzvollste Name dieser Ära ist Johann Udalricus Eberle. Er wanderte nach Prag aus und stieg dort zum unangefochtenen Kopf der Prager Geigenbauschule auf. Berühmt wurde er weltweit für seine meisterhaften Violen d’amore. Seine Verwandten zog es bis nach Neapel und Mannheim, während ein anderer Vilser, Antony Posch, in Wien sogar zum kaiserlichen Hoflautenmacher aufstieg. Auch Georg Aman hinterließ in Augsburg Spuren: Seine Instrumente bestachen nicht nur durch einen außergewöhnlich weichen Klang, sondern oft auch durch kunstvoll geschnitzte Engelsköpfe anstelle der klassischen Schnecke.
Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Struktur und die Ära der großen, sesshaften Familiendynastien begann. Allen voran prägte die Familie Rief über ein Jahrhundert lang das Handwerk direkt in Vils. Ausgehend vom Stammvater Anton Rief entwickelte sich die Werkstatt zu einer echten Institution. Den qualitativen Höhepunkt der Vilser Schule markieren die Arbeiten von Dominikus Rief um 1800, dessen edle Pracht-Violas heute in Museen wie dem Innsbrucker Ferdinandeum gehütet werden. Wie tief der Pioniergeist in Vils saß, bewies schließlich Josef Matthäus Rief sen.: Auf der unermüdlichen Suche nach dem perfekten, vollen Klang experimentierte er mutig mit völlig neuen Konstruktionen und baute Geigen mit einem doppelten Boden.
Die zweite maßgebliche Familie war jene der Petz.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nehmen sich Lechtaler Geschäftsleute dem Handel mit den Musikinstrumenten an, insbesondere Angehörige der Familien Lechleitner, Maldoner und Kropf. Anton Karl Kropf von Unterschönau reiste in der Zeit zwischen 1750 bis 1814 des öfteren nach Piemont und Frankreich und verkaufte dort zahlreiche Instrumente. Johann Lechleitner von Stanzach betrieb das Geschäft von 1760 bis 1780 in den Niederlanden, seine Söhne Anton und Christian setzten es später fort. Nach der französischen Revolution und während der napoleonischen Kriege war den Lechtaler Geigenhändlern der Warenhandel westlich des Rheins erschwert, teilweise sogar unmöglich gemacht[1].
Das bittere Ende dieser glanzvollen Epoche kam im späten 19. Jahrhundert. Als Josef Matthäus Rief jun. im Jahr 1879 verstarb, erlosch die Tradition endgültig. Gegen die aufkommende industrielle Massenfertigung aus den sächsischen und böhmischen Großmanufakturen konnten die traditionsbewussten Vilser Familienbetriebe preislich nicht mehr konkurrieren. Geblieben sind jedoch rare, extrem gesuchte Kostbarkeiten: Wenn heute eine echte Vilser Geige bespielt wird, erwacht der unvergessliche, goldene Klang des barocken Außerferns zu neuem Leben.
Einzelnachweise
1. Die Allgäuer Lauten- und Geigenmacher; Adolf Layer (1978)

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