
Serie aus: Außferner Bote im Februar 1933
Wir befinden uns in einer raschlebigen Zeit, mit Riesenschritten vollzieht sich die Entwicklung auf allen Gebieten, Neuerung häuft sich auf Neuerung und das Alte schwindet jäh dahin. Dabei erscheint uns oft dieser Uebergang so selbstverständlich, das wir viele Veränderungen, die wir mitmachen, kaum merken, sondern wir vielmehr das Gefühl haben. als handle es sich gewissermaßen nur um Ereignisse, wie sie eben das tägliche Leben mit sich bringt und das das, was gekommen ist, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge hätte kommen müssen. Und so geschieht es, das wir uns nach einer Reihe von Jahren kaum merklich vor ganz geänderten Verhältnissen befinden und wir nur zu oft den Zusammenhang mit der Vergangenheit anscheinend verloren haben. Sicher wirkt hiebei auch die Anpassungsfähigkeit der Menschen mit. Dabei ist noch eine Feststellung zu machen: Während in größerem Raume wir uns leichter ein Bild machen können, wie die Entwicklung und die Umwälzungen vor sich gegangen sind, verspüren wir gerade, je kleiner das Gebiet ist, das wir ins Auge fassen, desto mehr diesen Mangel , besonders wenn einige Menschenalter verstrichen sind und ein Geschlecht das andere abgelöst hat. Mag diese Tatsache bei oberflächlicher Betrachtung uns als Widerspruch erscheinen, sicher ist sie nur ein Widerspruch, der sich unschwer erklären läßt . Für zusammenhängende Darstellung der Entwicklung von Staaten, Ländern und Völkern sorgt eine umfassende Geschichtsschreibung und der Unterricht in den Schulen, hingegen ist der Großteil der Nachwelt bei einzelnen Landesteilen und Ortschaften vielfach auf die mündliche Ueberlieferung angewiesen, die kaum den Zusammenhang lückenlos darstellen kann. Auch die heimatkundlichen Beitäage in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen vermögen nur in wenigen Fällen diese Lücken auszufüllen.
Nehmen wir nur einmal unseren Markt Reutte als Beispiel her! Wer von den jungen Leuten kann dessen Entwicklung, sagen wir, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zusammenhängend schildern? Wer von ihnen kann sich einen Begriff machen, wie es hier zu der erwähnten Zeit ausgesehen hat? Wahrscheinlich keiner oder nur die allerwenigsten.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts dürfte Reutte ungefähr 1200 Einwohner gezählt haben. Die Ausdehnung des Marktes war bedeutend geringer, wiewohl schon damals die Ortschaft als typische Straßensiedelung, die ihr Wachsen hauptsächlich dem Durchzugsverkehr verdankte, ihre langgestreckte Form aufwies. In der Richtung nach Pflach war das letzte Haus das Strigl-Haus, der Obermarkt schloß damals mit dem sogenannten Salzstadel, an dessen Platz heute die Metzgerei Weber steht, doch diente schon zu dieser Zeit der Stadel nicht mehr zur Aufbewahrung des nach Reutte gelieferten Salzes. In den Siebzigerjahren errichtete dort der Württemberger Bendeler eine Metzgerei. Von der heutigen Schulgasse war damals nur ein kleiner Ansatz vorhanden. Das einstige Schulgebäude, welches längst schon abgetragen ist, befand sich zwischen dem Hause, in dem heute die Säuglingsfürsorge untergebracht ist, und dem Brunnen vor dem jetzigen Schulgebäude. Das Ende dieser Gasse bildete das heutige Unterbuchner-Haus, welches damals im Besitz der Familie Klingenschmidt stand. Dieser Familie gehörte auch eine Papiermühle am Eingange des Zwieseltales, wo heute das Elektrizitätswerk steht. Gegen Lech-Aschau zu befanden sich unmittelbar am Lechflusse eine Gerberei und ein Sägewerk.
Der Hauptverkehr in Reutte spielte sich n den Märkten ab, die entweder als Vieh- und Warenmärkten mehrmals im Jahre oder als sogenannte Schrannenmärkten allwöchentlich jeden Freitag abgehalten wurden. Der Marktplatz lag zwischen der Linde und dem Gerichtsgebäude; die Marktpolizei übte die Gemeinde Reutte aus. Vieh- und Krämermärkte fanden an folgenden Tagen statt: Am Josefitage, den 19. März, am Peter- und Paulstag, den 29. Juni, am 10. Und 11. September, am 12. Oktober und um Kathreini. Aufgetrieben wurden durchschnittlich 500 bis 600 Stück trächtiges Rindvieh und Jungvieh, Pferde dagegen nur wenig. Verkäufer erschienen nicht nur aus dem Bezirke, sondern auch aus dem Zillertal, Pitztal, Oetztal und aus der Innsbrucker Gegend. Mitunter besuchten auch Viehhändler aus Südtirol den Markt die Vieh um billiges Geld zum Verkaufe anboten, doch war dieses sogenannte „welsche“ Vieh wenig begehrt weil es von minderwertiger Rasse war und nicht in unsere Gegend paßte. Hauptabsatzgebiet war auch damals schon Deutschland, die Vieheinkäufer kamen bis von München oder noch weiter her, auch Händler aus Wien und Niederösterreich waren vertreten.
Auf den Krämermärkten wurden alle Warengattungen feilgehalten, die damals auch in den Kaufläden zu haben waren, und zwar hauptsächlich Leder, landwirtschaftliche Geräte, Obst und Kleidungsstoffe, dagegen war von fertigen Kleidern und Schuhen nur sehr wenig zu sehen, weil man damals die Kleidungsstücke fast immer nur nach Maß bestellte. Die Reuttener Geschäftsleute hatten auf dem Markte immer ihren eigenen Standplatz und auch der übrige Bezirk war dort gut vertreten. Neben Leder-Händlern aus Imst bemerkte man solche aus Heiterwang und Lermoos. Geschäftstüchtige Hausierer aus dem Berwanger Tale und dem übrigen Tirol boten im Umherziehen ihren Kram an, Gotscheeberer verkauften oder verlosten Zuckerwaren und Südfrüchte für Leckermäuler. Böhmische Händler suchten Absatz für ihre bunten Glaswaren, während man bei slowakischen Kaufleuten Mausefallen, Bürsten, Pinsel, Löffel, Milchkannen und allerhand Blechwaren erstehen konnte. Belustigungen vermißte man auf diesen Märkten, derlei Dinge gab es nur um Martini auf dem Kestenmarkte im benachbarten Lech-Aschau, der sich auch heute noch im bescheidenen Ausmaße erhalten hat. Lobend muß hervorgehoben werden die große Sicherheit, deren sich das Eigentum auf diesen Märkten erfreute, denn Diebstähle ereigneten sich damals höchst selten.
Eine qroße wirtschaftliche Bedeutung wies noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Schrannenmarkt auf, der unseren Bezirk mit Getreide versorgte. Damals stand noch das Müllergewerbe in hoher Blüte und die meisten Ortschaften besaßen eigene Mühlen, von denen die Bauern unmittelbar das Mehl bezogen. Jeden Freitag wurde, wie schon erwähnt, neben dem Rathaus ein solcher Markt abgehalten.
Um 8 Uhr früh kamen die Getreidefrächter aus Schwaben und Oberbayern mit ihrer Ladung angefahren und brachten fuhrenweise alle Getreidearten, wie Weizen, Roggen, Hafer, Gerste usw. auf den Platz. Die Händler stammten hauptsächlich aus Biesenhofen, Markt Oberdorf und Schongau. Gemessen wurde damals das zu verkaufende Getreide nach Star und Schaff, wobei ein Schaff Weizen oder Roggen ungefähr dem Gewichte von 3 alten Zentnern entsprach. Ein Schaff hatte wieder 7 Star und ein Star Weizen oder Roggen wog etwa 40 alte Pfund. Ein Schaff Weizen kostete damals an die 20 Gulden. Die Händler, deren Zahl durchschnittlich 20 betrug, verkauften ihr Getreide gröstenteils an Müller, aber auch an Bauern, und fuhren dann nach Beendigung des Marktes, was meistens schon um 2 Uhr oder halb 3 Uhr nachmittag war, wieder in ihre Heimat zurück, wo sie als Gegenfracht Gips aufluden, der am Sündenbichl gewonnen wurde.
Was an Getreide auf dem Markt nicht verkauft werden konnte, wurde im unteren Teil des Magistratsgebäudes, das zu dieser Zeit auch den Namen „Kornhaus“ führte, eingestellt. Jeder der Händler hatte im Kornhause seinen eigenen Platz, wo er das nicht verkaufte Getreide aufbewahren konnte. Ein eigens hiezu bestellter Kornmeister, der die Aufsicht über das Kornhaus führte, schrieb die eingelagerte Menge genau auf. Beim Unterbringen des Getreides halfen ihm mehrere Gehilfen. Praxer genannt, die gegen einen bestimmten Lohn angestellt waren und außerdem das Recht hatten, das sogenannte Uebermaß für sich zu behalten. Die schwäbischen Getreidehändler maßen nämlich das Korn, das sie daheim in Säcke füllten, nicht genau sondern nur schätzungsweise, so das, wenn die Praxer das Getreide beim Einstellen in runde Schäffer schütteten, oft noch etwas übrig blieb, was dann eben, den Praxern gehörte. Die eingelagerten Getreidemengen wurden entweder bis zum nächsten Markte aufbewahrt oder auch unter der Woche vom Kornmeister, wenn Käufer aus den Tälern erschienen, abgesetzt, wobei ihm wiederum die Praxer behilflich waren. Die fremden Händler nächtigten nur dann in Reutte, wenn die Wegstrecke von ihrem Heimatorte bis hieher besonders weit war, die meisten von ihnen, darunter auch solche, die 6 Stunden oder noch länger zu fahren hatten , trafen am Markttage in Reutte ein und verließen noch am selben Tage den Ort. Ihre Fuhrwerke brachten sie bei den einzelnen Wirten unter, die über Stallungen verfügten. Derlei Wirte waren damals: Der Hirschwirt (Geisenhof-Huter), der Glockenwirt (v. Wiesenegg), der Postwirt (Angerer), der Rosenwirt (Schmid), der Mohrenwirt (Senner), und der Kronenwirt (Hager). Die Gasthäuser zum Schwarzen Adler (Linder), zum Kreuz, zur Traube (Huter) und zum Ochsen (Pächterin Frau Marian) hatten dagegen keine Stallungen.
Mit dem Aufkommen der Kunstmühlen büßten die Schrannenmärkte immer mehr und mehr ihre Bedeutung ein, bis sie schließlich ganz aufhörten; doch gab es solche Märkte im kleineren Ausmaße noch in den Siebzigerjahren. Ein ähnliches Schicksal ward auch den Kramermärkten zuteil. Die Schaffung moderner Verkehrsverbindungen hatte sie so gut wie überflüssig gemacht.
In jüngster Zeit wurde auch zum Schutze des heimischen Handels ein Verbot für Kramermärkte erlassen, wovon jedoch Märkte für landwirtschaftliche Geräte nicht betroffen sind, so daß diese auch heute noch im Zusammenhang mit Viehmärkten ihr freilich kümmerliches Dasein fristen. Die Viehmärkte selbst aber haben ihre große wirtschaftliche Bedeutung für unseren Bezirk bis auf den heutigen Tag beibehalten.
(Vorstehende Abhandlung wurde nach Angaben eines der ältesten Einwohner Reuttes, des Herrn Josef Lechner sen. verfaßt).
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