für Singer Josef Anton (Peter)
Geboren: 18. Juli 1810
Gestorben: 25. Jän. 1882
Ort: Häselgehr
Beruf / Tätigkeit: Erfinder, Komponist
Komponierte Kirchenmusik und erfand das erste brauchbare Harmonium (Pansymphonikum); Franziskanermönch
Aus: Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 24. Jän. 1912
Als der Sohn eines einfachen Landmüllers, welcher neben seinem Hauptberufe für die ländlichen Bedürfnisse auch noch Glocken goß, ward der vor 30 Jahren Verschiedene am 18. Juli des Jahres 1810 zu Häselgehr im Lechtale geboren. Im Alter von 14 Jahren trat der Knabe, dem man in der Taufe den Namen Anton gegeben, zu Hall in Tirol in das Franizskanergymnasium ein, welches er mit Auszeichnung absolvierte. Schon frühzeitig fiel des Knaben musikalische Begabung auf; mit acht Jahren soll er bereits in seiner Heimatkirche die Orgel gespielt haben. Außerdem spielte er schon, als er noch das Gymnasium besuchte, sowohl auf dem Klavier als auf der Harfe.
Im September 1830 trat der talentierte Jüngling in Salzburg als Novize in den Orden des heiligen Franziskus, legte am 12. August 1833 die Ordensgelübde ab und brachte am 13. Juli 1834 als Pater Peter sein erstes heiliges Meßopfer dar.
Durch eine lange Reihe von Jahren Novizenmeister in Salzburg, als welcher er über 300 Novizen heranzog, widmete Pater Peter seine ganze freie Zeit fast ausnahmslos musikalischen Studien, die ihn befähigten, in den praktischen wie auch in den theoretischen Teil der Tonkunst vollständig einzudringen.
Als Theoretiker stellte er sogar in seinem Buche „Metaphysische Blicke in die Tonwelt" ein völlig neues System der Harmonielehre auf, das vielleicht in späteren Tagen wieder den Archiven entnommen werden dürfte, wo es zurzeit das Los so manchen Werkes teilt, das staubbedeckt im Bücherschranke ruht.
Ungleich bedeutender und bekannter war Pater Peter als Spezialist im Instrumentenbau. Mit den primitivsten Werkzeugen erbaute er in seiner Klosterzelle in Salzburg sein erstes Pansymphonikon, ein großes Harmonium, in Verbindung mit einem Saiteninstrumente. Im Jahre 1845 ließ er diesem ein zweites, bedeutend größeres und reichhaltigeres folgen, wodurch sein Name in der Musikwelt allmählich ein berühmter wurde. Dieses Pansymphonikon, oder auch Polyharmonion genannt, ist äußerlich ein großer, schlichter Kasten mit zwei Klaviaturen und Pedalen und ist hauptsächlich nach dem Prinzip der Physharmonika nur aus Zungenpfeifen konstruiert. Vierzig Register geben der mit der reckten Hand gespielten Melodie abwechselnd die Tonfarbe des Waldhorns, der Oboe, der Klarinette, der Violine, des Fagotts, des Cellos usw., während die linke Hand auf der unteren Klaviatur nach Belieben eine Pianoforte- oder Physharmonikabegleitung hinzufügt. Der Ton mancher Instrumente ist auf dem Pansymphonikon so vortrefflich wiedergegeben, daß er kaum in einem Orchester schöner zu hören ist.
Tonkünstler wie Lachner, Meyerbeer, Spor — inkognito weilte einmal auch Richard Wagner in der Zelle des Pater Singer — staunten ebenso über die Schönheit dieser Klänge, wie sich Orgelbauer wunderten über die unbegreifliche Einfachheit der Mittel, wodurch dieser Wohlklang erreicht wurde. Bezeichnend für die geradezu geniale Begabung dieses einfachen Mönches ist aber auch, daß er seine Instrumente insgesamt selber ersonnen und mit den allereinfachsten Werkzeugen in seiner Zelle selbst verfertigte.
Interessant ist, was ein Reisender einst über seinen Besuch bei Pater Singer schreibt: „In einem geräumigen Zimmer fand ich den großen, hagern Mönch; er schob mir einen ledernen Armsessel zurecht und öffnete an einem hohen Kasten, der ein dürftiges Lager fast beschattete, zwei Flügeltüren. Er präludierte zuerst, und es klang wie Klavierspiel; dann zog er ein Register und sagte: „Flöte!" Und wirklich, wenn man die Augen zumachte, glaubte man eine schöne, volltönende Flöte zu hören und weiters nichts. Originell klang die Violine. Man hörte Strich für Strich, das zarteste Piano, brillante Läufe und ein Staccato, dann wieder ein Geigengeschwirr und Rauschen wie in der Ouvertüre zu Mozarts „Don Juan". Und folgten mit unglaublicher Ton- und Charakterwahrheit Oboe, Fagott, Waldhorn, Violincello (besonders schön) und Orgel."
Auch eine winzig kleine, kaum 60 Zentimeter breite Physharmonika hat Pater Peter konstruiert. Der kunstfertige Ordensmann wollte damit in erster Linie den Beweis erbringen, daß man auch mit dem kleinsten Instrumente, sofern es richtig gebaut, die größte Tonstärke erzielen könne, um damit selbst eine Kirche zu beherrschen.
Diese Physharmonika, die gleichfalls auf dem Wege fortwährender Versuche und auf Grund sorgfältigster akustischer Studien entstanden ist, bildete für den Sachverständigen kein geringeres Rätsel als das große Pansymphonikon.
Selbstverständlich war Pater Peter Singer auch im Orgelspiel ein Meister. Seine lebendige, reich sprudelnde Phantasie, verbunden mit tiefgefühltem Vortrage und mit einer ganz außerordentlichen Fertigkeit und Eleganz des Spieles, übte einen eigentümlichen Zauber auf die Zuhörer. Wie ein Gebet aus tiefster Seele klang sein Orgelspiel in Wundertönen dahin, wie sie nur ein wahrhaft gottbegnadeter Künstler anzuschlagen vermag. Tiefe, echte Frömmigkeit zeichneten den
Künstler im Ordenskleide aus, der von einer seltenen Demut und einer nahezu stets sich gleichbleibenden Heiterkeit war, die selbst im Alter ihn noch zu verjüngen schien. Seltene Herzensgüte aber leuchtete aus seinen klaren, freundlichen Augen, die wohl niemals zürnend auf Menschen geblickt.
Unerwartet erlag Pater Peter Singer am Abend des 25. Jänner 1882 einem Schlaganfalle, nachdem er noch kurz vorher einen Spaziergang gemacht. Seine Leiche wurde in der Gruft der Franziskaner zu Salzburg unter Beteiligung der höchsten geistlichen und weltlichen Behörden der Stadt sowie einer zahlreichen Volksmenge beigesetzt.
Seine Zelle aber ist heute noch eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der ehrwürdigen Bischofsstadt, die nur wenige der alljährlich nach Salzburg reisenden Fremden verlassen, ohne sich im Kloster der Franziskaner das Wunderwerk Pansymphonikon ansehen zu haben.
Nebst den vielen Reliquien, die noch von Pater Peter stammen, ziert heute dessen Zelle eine von Pater Fabian Barcatta O. Fr. M. ausgeführte Plastik, den Tonkünstler an seinem Instrumente darstellend, welche die Aufmerksamkeit jedes Kunstkenners auf sich lenkt und uns den Verewigten, der geistig äußerst fein erfaßt ist, selbst mit dem ihm eigen gewesenen schalkhaften Lächeln zeigt, trotzdem Pater Fabian, der dieses Kunstwerk schuf, Pater Singer nie gesehen.46