Forscher, Schwärmer, Visionäre. Große Fußreisen durch das Gebirge. Eine Wiederentdeckung
Rezension von Kauk vom 28. Aug. 2010
ISBN: 978-3-7022-2986-3
Die Rückseite
Es waren allesamt gebildete Männer des 19. Jahrhunderts – Heinrich Noé, Ludwig Steub, Joseph Kyselak oder Hans Conrad Escher von der Linth –, die zu Fuß aufgebrochen sind, um die touristisch gerade erwachende Alpenregion zu erkunden. Sie waren keine Gipfelstürmer! Nicht die alpinistische Tat reizte sie. Sie kamen als Forscher, waren Sonderlinge, Visionäre. Ihr Augenmerk galt den Talschaften und jener Halbhöhe, wo die Zivilisation noch hinreicht, aber an ihre Grenzen gerät. Sie beobachteten das Leben in den Bergen mit scharfem Verstand und beschrieben es genau. Ihre Reiseerzählungen, teils voll bissiger Ironie, teils hingerissen von romantischem Empfinden, wurden von den Städtern verschlungen, ihre Bücher zu „Bestsellern“.
Stefan König hat sich auf die Spuren dieser frühen Alpenwanderer begeben. In ebenso spannenden wie amüsanten literarischen Porträts zeichnet er die Lebens- und Reisewege dieser außergewöhnlichen Menschen nach. Seine kurzweiligen Schilderungen lassen uns die Alpen lange vor der Zeit des Massentourismus entdecken und faszinierenden Persönlichkeiten begegnen, die das Gehen im Gebirge geformt und verändert hat. Nicht zuletzt macht das Lesen ungeheure Lust, selbst wieder die Wanderschuhe zu schnüren und aufzubrechen, um die Welt und sich selbst mit anderen Augen zu sehen.
Zusammenfassung
Für mich als Leser war dieses Buch eine ganz neue Form der Annäherung an die Berge. In diesem interessanten, kurzweilig zu lesenden Buch erlebt man die Bergwelt völlig neu, in einer anderen Zeit und aus einem anderen Blickwinkel. Dazu ist es zeitgenössisch und schön bebildert.
Exemplarisch wird anhand von verschiedenen Persönlichkeiten die Entwicklungen aufgezeigt, wie sich die Alpen von der gefährlichen Reiseetappe zum letztendlich touristischen Freizeitort gewandelt haben. Anhand von Zitaten aus den Original-Werken, die von den Wandernden über ihre Reisen verfasst wurden, erfährt der Leser viel über Umwelt, Leben, Wanderausrüstung, Wissenschaft in den Alpen zur damaligen Zeit. Im Zusammenspiel mit diesen Zitaten baut der Autor zu den jeweiligen Personen ein biographisches Gerüst auf und beleuchtet und deutet deren Aussagen.
Inhalt
Als einer der ersten wanderte Johann Gottfried Seume (1763-1810) "zum Vergnügen" über die Alpen, auf einer typischen Bildungsreise des Bürgertums. Er betrachtet die Gegend und beschreibt diese im Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, ohne jedoch weiter in sie vorzudringen. Die Reise über die Alpen ist eine Notwendigkeit, die als durchaus interessant angesehen wurde, aber vor der sich die Reisenden fürchteten.
Hans Conrad Escher von der Linth (1767-1823) war der "Erste Alpenwanderer", der bewusst in die Berge ging und ihnen neben der Bedrohlichkeit auch eine schöne Seite ansah. Er beobachtete die Alpen sowohl aus wissenschaftlichem Interesse als auch aus der Sicht eines Künstlers, war er doch leidenschaftlicher Panoramenmaler.
Ein rein wissenschaftlich-ökologisches Interesse an den Alpen und ganz besonders an deren Wald hatte der Forstwissenschaftler Karl Albrecht Kasthofer (1777-1853), der sich ganz der Erforschung und dem Schutz der Alpenwälder verschrieben hatte. Teile seiner Erkenntnisse sind immer noch direkt in die heutige Zeit und Situation zu übertragen.
Das Unikat schlechthin ist Joseph Kyselak (1799-1831). Bekannt ist dieser Mann als der erste Graffiti-Künstler. Er soll an allen Orten seinen Namenszug hinterlassen haben, Zeugnisse davon sind heute noch zu finden. Einzug in das Buch findet er durch seine lange Reise durch die Alpen des Österreichischen Kaiserreichs, die er ausführlich beschreibt. Er wanderte rein aus Freude am Gehen und der Bergwelt und hinterließ eine detaillierte Reisebeschreibung.
Ganz anders Ludwig Steub (1812-1888). Man kann ihn getrost als Alpenjournalist bezeichnen, verfasste er doch für Zeitungen unzählige Reiseberichte aus dem bayerisch-tirolerischen Alpenraum. Neben den Artikel erschienen von ihm auch Sammelbände mit klangvollen Namen wie Drei Sommer in Tirol. Die Berge sind ihm sowohl Freizeitraum als auch Beruf, verdiente er doch sein Geld teilweise mit den Berichten, jedoch nicht ganz erfolgreich.
Noch extremer und intensiver im Gebirge unterwegs war Heinrich Noë (1835-1896), der in der Tradition Steubs steht und in die Berge (Südtirols) vernarrt war. Er veröffentliche zahllose Reisebeschreibungen, die auch ein breites Publikum fanden (im Gegensatz zu Steubs Literatur).
Von Theodor Trautwein (1833-1894) stammt das Werk Tirol. Bairisches Hochland. Allgäu. Vorarlberg. Salzburg und Oberösterreich. Steiermark. Kärnten und Krain., das damalige "Standardwerk" für die Alpen, ein Vorgänger des Alpenvereinsführers. So verwundert es auch nicht, dass Trautwein eines der Gründungsmitglieder des Deutschen Alpenvereins war und der vermutlich jeden Winkel der Alpen kannte, ob aus eigener Anschauung oder aus Führerliteratur.
Das Buch beschließt mit einem Kuriosum: Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913). Der Maler zieht als "Apostel" nach 1895 mehrere Monate durch die Alpen, vorallem in der Karwendel-Gegend, zeichnend und begleitet von seinem "Clan" um Schüler, seinen Kindern und weiteren Begleitern. Sie finden Obdach auf Heuböden oder unbewohnten Almhütten, Diefenbach malt und philosophiert über das Zusammenleben in der kleinen, engen Gemeinschaft.
Fazit
Wer Lust hat sich den Bergen mal abseits von Führer-Literatur anzunnähren, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Wer nur ein wenig seine (Allgemein-)Bildung erweitern will, dem ebenso :).
Rezension von Kauk vom 28. Aug. 2010
ISBN: 978-3-7022-2986-3
Die Rückseite
Es waren allesamt gebildete Männer des 19. Jahrhunderts – Heinrich Noé, Ludwig Steub, Joseph Kyselak oder Hans Conrad Escher von der Linth –, die zu Fuß aufgebrochen sind, um die touristisch gerade erwachende Alpenregion zu erkunden. Sie waren keine Gipfelstürmer! Nicht die alpinistische Tat reizte sie. Sie kamen als Forscher, waren Sonderlinge, Visionäre. Ihr Augenmerk galt den Talschaften und jener Halbhöhe, wo die Zivilisation noch hinreicht, aber an ihre Grenzen gerät. Sie beobachteten das Leben in den Bergen mit scharfem Verstand und beschrieben es genau. Ihre Reiseerzählungen, teils voll bissiger Ironie, teils hingerissen von romantischem Empfinden, wurden von den Städtern verschlungen, ihre Bücher zu „Bestsellern“.
Stefan König hat sich auf die Spuren dieser frühen Alpenwanderer begeben. In ebenso spannenden wie amüsanten literarischen Porträts zeichnet er die Lebens- und Reisewege dieser außergewöhnlichen Menschen nach. Seine kurzweiligen Schilderungen lassen uns die Alpen lange vor der Zeit des Massentourismus entdecken und faszinierenden Persönlichkeiten begegnen, die das Gehen im Gebirge geformt und verändert hat. Nicht zuletzt macht das Lesen ungeheure Lust, selbst wieder die Wanderschuhe zu schnüren und aufzubrechen, um die Welt und sich selbst mit anderen Augen zu sehen.
Zusammenfassung
Für mich als Leser war dieses Buch eine ganz neue Form der Annäherung an die Berge. In diesem interessanten, kurzweilig zu lesenden Buch erlebt man die Bergwelt völlig neu, in einer anderen Zeit und aus einem anderen Blickwinkel. Dazu ist es zeitgenössisch und schön bebildert.
Exemplarisch wird anhand von verschiedenen Persönlichkeiten die Entwicklungen aufgezeigt, wie sich die Alpen von der gefährlichen Reiseetappe zum letztendlich touristischen Freizeitort gewandelt haben. Anhand von Zitaten aus den Original-Werken, die von den Wandernden über ihre Reisen verfasst wurden, erfährt der Leser viel über Umwelt, Leben, Wanderausrüstung, Wissenschaft in den Alpen zur damaligen Zeit. Im Zusammenspiel mit diesen Zitaten baut der Autor zu den jeweiligen Personen ein biographisches Gerüst auf und beleuchtet und deutet deren Aussagen.
Inhalt
Als einer der ersten wanderte Johann Gottfried Seume (1763-1810) "zum Vergnügen" über die Alpen, auf einer typischen Bildungsreise des Bürgertums. Er betrachtet die Gegend und beschreibt diese im Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, ohne jedoch weiter in sie vorzudringen. Die Reise über die Alpen ist eine Notwendigkeit, die als durchaus interessant angesehen wurde, aber vor der sich die Reisenden fürchteten.
Hans Conrad Escher von der Linth (1767-1823) war der "Erste Alpenwanderer", der bewusst in die Berge ging und ihnen neben der Bedrohlichkeit auch eine schöne Seite ansah. Er beobachtete die Alpen sowohl aus wissenschaftlichem Interesse als auch aus der Sicht eines Künstlers, war er doch leidenschaftlicher Panoramenmaler.
Ein rein wissenschaftlich-ökologisches Interesse an den Alpen und ganz besonders an deren Wald hatte der Forstwissenschaftler Karl Albrecht Kasthofer (1777-1853), der sich ganz der Erforschung und dem Schutz der Alpenwälder verschrieben hatte. Teile seiner Erkenntnisse sind immer noch direkt in die heutige Zeit und Situation zu übertragen.
Das Unikat schlechthin ist Joseph Kyselak (1799-1831). Bekannt ist dieser Mann als der erste Graffiti-Künstler. Er soll an allen Orten seinen Namenszug hinterlassen haben, Zeugnisse davon sind heute noch zu finden. Einzug in das Buch findet er durch seine lange Reise durch die Alpen des Österreichischen Kaiserreichs, die er ausführlich beschreibt. Er wanderte rein aus Freude am Gehen und der Bergwelt und hinterließ eine detaillierte Reisebeschreibung.
Ganz anders Ludwig Steub (1812-1888). Man kann ihn getrost als Alpenjournalist bezeichnen, verfasste er doch für Zeitungen unzählige Reiseberichte aus dem bayerisch-tirolerischen Alpenraum. Neben den Artikel erschienen von ihm auch Sammelbände mit klangvollen Namen wie Drei Sommer in Tirol. Die Berge sind ihm sowohl Freizeitraum als auch Beruf, verdiente er doch sein Geld teilweise mit den Berichten, jedoch nicht ganz erfolgreich.
Noch extremer und intensiver im Gebirge unterwegs war Heinrich Noë (1835-1896), der in der Tradition Steubs steht und in die Berge (Südtirols) vernarrt war. Er veröffentliche zahllose Reisebeschreibungen, die auch ein breites Publikum fanden (im Gegensatz zu Steubs Literatur).
Von Theodor Trautwein (1833-1894) stammt das Werk Tirol. Bairisches Hochland. Allgäu. Vorarlberg. Salzburg und Oberösterreich. Steiermark. Kärnten und Krain., das damalige "Standardwerk" für die Alpen, ein Vorgänger des Alpenvereinsführers. So verwundert es auch nicht, dass Trautwein eines der Gründungsmitglieder des Deutschen Alpenvereins war und der vermutlich jeden Winkel der Alpen kannte, ob aus eigener Anschauung oder aus Führerliteratur.
Das Buch beschließt mit einem Kuriosum: Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913). Der Maler zieht als "Apostel" nach 1895 mehrere Monate durch die Alpen, vorallem in der Karwendel-Gegend, zeichnend und begleitet von seinem "Clan" um Schüler, seinen Kindern und weiteren Begleitern. Sie finden Obdach auf Heuböden oder unbewohnten Almhütten, Diefenbach malt und philosophiert über das Zusammenleben in der kleinen, engen Gemeinschaft.
Fazit
Wer Lust hat sich den Bergen mal abseits von Führer-Literatur anzunnähren, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Wer nur ein wenig seine (Allgemein-)Bildung erweitern will, dem ebenso :).
